Gustafsson, Lars, Der Tod eines Bienenzüchters, 1978, (SZ -Bibliothek 2007)
Ein Buch, das mir einigen Anstoß zum Nachdenken gibt, aber nicht sehr tief unter die Haut geht, was mit der Philosophie des Protagonisten zu tun hat.
Dieser Protagonist ist ein frühpensionierter Volksschullehrer (Lars Lennart Westin, auch Wiesel" genannt), der in Schweden im nördlichen Västmanland zurückgezogen in seiner Hütte im Wesentlichen von der Bienenzucht lebt. Von ihm haben sich verschiedene Tagebücher gefunden, von denen abwechselnd Auszüge gebracht werden, in denen Westin die Zeit vom Frühjahr 75 bis zu seinem Tod im Herbst abdeckt, Ursache: Krebs, den er bewusst nicht ärztlich behandeln lässt. Stattdessen versucht er den Schmerz in sein Leben einzubauen, stets begleitet von Hoffnung, dass alles nur ein Irrtum war, er erinnert sich an die Vergangenheit und macht sich Gedanken über Leben und Tod, ein paar Besuche finden statt bei ihm, sonst passiert nichts.
Im Mittelpunkt der Gedanken dieses unauffälligen Menschen stehen Aussagen über die Beschaffenheit des Ich". Westin ist der Meinung, dass es so etwas eigentlich nicht gibt, das, was man so Ich" nennt, sei eigentlich eine Leerstelle, austauschbar mit dem Schicksal anderer, unpersönlich, unwirklich. Lediglich durch den zunehmenden Schmerz empfindet er, dass er wirklicher wird: aus dieser Tatsache, dass ich ein Körper bin, ließ sich ein eigentümlicher Trost, fast eine Geborgenheit schöpfen, ungefähr wie ein sehr einsamer Mensch aus der Gegenwart eines Haustiers Geborgenheit schöpft." (88). Ihm liegt nicht viel an anderen Menschen, er möchte möglichst nicht von außen kontrolliert werden, und er stellt auch kaum Forderungen an andere. Seine Frau, mit der er langjährig verheiratet war, blieb ihm fremd, sie wurden sich gegenseitig nicht wirklich". Einschneidend war ein Liebeserlebnis mit einer anderen Frau, die er im Zug kennen gelernt hatte, aber zurückblickend auf seine Freunde und Verwandten wird dem Tagebuchschreiber klar, dass ich keinen einzigen von ihnen, ich sage keinen einzigen, nicht einmal meine ehemalige Frau und auch nicht meine Geliebte, wirklich gekannt habe." (145). Als er seine Frau auf ihren Wunsch mit seiner Geliebten bekannt macht, entwickelt sich gleich eine enge Beziehung zwischen den Frauen: seine Frau vermisst eine Mutter, und seine Geliebte fühlt sich aus Schuldgefühlen zu der anderen Frau hingezogen, der Mann bleibt gewissermaßen außen vor. Ich habe zu wenig gewollt. Mein ganzes Leben lang. Die Leute haben nie das Gefühl gehabt, ich hätte irgendein Anliegen an sie. Die letzten drei Monate haben mich wirklich gemacht. Das ist furchtbar." (160).
Wie seine Bienen empfindet sich Westin nur als Teil eines Kollektivs, er plädiert für ein mystisches" Menschenbild (S.146), wiederholt heißt es über den Menschen: Das Dunkel der Pupille ist nichts anderes ... als die Dunkelheit des Universums." (146). Vielleicht erklärt sich so seine Neigung zu Science-Fiction-Spielereien oder zu Visionen.
Wie gesagt, man kann mit Westin auch nicht besonders tief mitfühlen oder mitleiden, weil er distanziert und kühl über sich selbst schreibt. Anders als etwa bei dem Roman "Homo Faber" von Max Frisch (der auch als Tagebuch angelegt ist) empfindet man hier nicht, dass der Protagonist ein Leben führt, das man ändern müsste, Westins Schicksal erscheint eher wie eine Bestandsaufnahme der menschlichen Situation überhaupt. So leitet z.B. ein Erzähler, dessen Seelenlage von ähnlicher Beschaffenheit zu sein scheint, die Tagebuchnotizen ein : Wie sonderbar. Ich spüre nicht mehr viel von einem Seelenleben. In mir ist alles ganz klar und ruhig und leer." (8). Das ist vom buddistischen Nirwana nicht weit entfernt, und dahin mag man streben oder auch nicht. Sicherlich ist Westin trotz seines Einsiedlerdaseins repräsentativ für viele Menschen in unserer Zeit, aber anders als ein moderner Autor wie z.B. Richard Ford, der ähnliche Charaktertypen darstellt, ist diese lakonische, private Art und Weise des Registrierens weniger dazu angetan, sich in sein Schicksal tief hineinzuversetzen - vielleicht möchte Gustafsson dies auch nicht erreichen, vielleicht genügt es ihm, wenn man seine Romane denkend begleitet.