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Daß wir die Industriegesellschaft nicht mehr haben, mag stimmen. Nur wurde sie eben nicht durch eine emanzipierte Individualgesellschaft ersetzt, sondern durch eine Dienstleistungsgesellschaft, die wie eh und jeh (oder sogar noch mehr) von Konsumdenken und selbstzerstörerischem Totalitarismus des Marktes und der Lebenswege geprägt ist. Und das sage ich, obwohl ich alles andere als ein politisch "Linker" bin...
Wer Marcuse aufmerksam liest, wird vieles von heute wiederfinden!
Das Buch stammt aus dem Jahr 1964, das atomare Wettrüsten und die sprachliche Vertauschung von 'Freiheit' mit 'Unfreiheit' im kapitalistischen Produktionsprozess der Konzerne waren Tagesgespräch, und das Buch war eine der argumentativen Grundlagen der 68er-Bewegung. Die Situation ist unverändert aktuell angesichts der aktuell (inszenierten) Bedrohung durch den Terrorismus und der Globalisierungsdiskussion. Literatur zu dem Thema, inwieweit die westlichen Nationen diesen Zustand selbst verschuldet haben, gibt es ja genug. Als Ausweg propagierte Marcuse letztlich die Verweigerung des Systems, wenngleich das im Buch kaum ersichtlich ist.
Wesentliches Mittel zur gedanklichen Gleichschaltung ist laut Marcuse die Sprache, und so widmet er den Großteil seines Werkes der Sprachanalytik - Richtung Orwellschem Neusprech - sowie der Wahrnehmung. Dazu bedient er sich reichlicher Zitate querbeet aus der Philosophie angefangen von den Altgriechen bis hin zu den jüngeren Franzosen. FAZIT: Marcuses Analysen erfolgen auf - vermeintlich - höchstem Niveau, und das ist hier negativ gemeint. Die Ausführungen sind sehr unzugänglich und nur mühsam nachvollziehbar. Das muss nicht sein. Der Umschlagtext (meiner Ausgabe) wundert sich noch, weshalb sich "nur Intellektuelle und Randgruppen" für das Thema interessierten: letztlich erreicht Marcuse nicht sein Ziel, der breiten Masse der Menschen ihre Einseitigkeit, Steuerbarkeit und Widersprüchlichkeit zu verdeutlichen.
Doch die tatsächliche Entwicklung ging in eine andere Richtung. Noch immer scheinen die Probleme der 68er aktuell: wenn man es recht betrachtet, so hat sich seitdem nicht viel in der Welt verändert - ein Grund mehr, Marcuses Werk wieder in die Hand zu nehmen!
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