- Oliver Sacks berichtet über die ganz besondere Wirkung von Musik und was sie mit unserem Gehirn anstellt -
"Stellen Sie sich vor, Sie gehen auf den Wochenmarkt und bemerken, dass die Bananen infolge einer vorübergehenden Störung Ihrer visuellen Verarbeitung alle orangefarben, der Kopfsalat gelb und die Äpfel lila aussehen.", schreibt der gebürtige Londoner und heute in New York lebende Neurologe und Schriftsteller in seinem Buch. Mit orangefarbenen Bananen könnte man sich wohl noch anfreunden, den gelben Salat würde man als welk abtun, aber lila Äpfel, das geht überhaupt nicht (reicht es doch schon, wenn man seinen Kindern das Nichtvorhandensein von lila Kühen in freier Natur erklären muss ;-).
Derartige Farbverwirrungen würde Ihnen also mehr als ungewöhnlich vorkommen, Sie gar erschrecken und einen Schauer des Missbehagens erzeugen. Warum erwähnt Oliver Sacks diese optischen Disharmonien? Er wählt den Vergleich, um dem Leser das Missempfinden von Menschen mit absolutem Gehör beim Hören eines vertrauten Musikstücks in einer falschen Tonart zu vermitteln. Absolutes Gehör? "Menschen mit absolutem Gehör können augenblicklich angeben, was für einen Ton sie hören. Dazu müssen Sie weder überlegen noch einen äußeren Vergleichsmaßstab heranziehen.", so der Autor. Beneidenswert, möchte man meinen. Doch in unserer mitunter lauten und "misstönenden" Welt scheint diese Gabe nicht immer von Vorteil zu sein.
Dieser besonderen Anlage ist eines von 29 Kapiteln in Oliver Sacks neuestem Werk gewidmet. Der Mediziner und Autor, der bereits einige publizistische Treffer landen konnte, nimmt den Leser auf eine überaus spannende und interessante Reise durch die neurologischen "Besonderheiten" unseres Gehirns mit. Töne, Klangfarben, melodische Figuren, Harmonien und Rhythmus - zusammengefasst unter dem einheitlichen Begriff Musik - bilden dabei den roten Faden.
Aus welchem Grund übt auf uns gerade Musik, egal ob wir nun besonders musikalisch sind oder jeden Ton schief singen, so eine große Macht aus? Weshalb kann sie uns derart beeinflussen, uns beruhigen, beleben, trösten, erregen, uns organisieren oder synchronisieren? Vor allem jedoch, warum hat sie solch großen therapeutischen Wert bei Patienten mit den verschiedensten neurologischen Befunden?
Sacks schreibt über Hirnwürmer und musikalische Halluzinationen. Er berichtet von Anfallsleidenden, Tourette-Patienten, Savants, Blinden, Amusischen und Alzheimer- oder Demenzkranken, die durch Musik bzw. eine gezielte Musiktherapie aus ihrer Apathie "aufgeweckt" wurden: zur Wachheit, wenn sie lethargisch waren, zu normalen Bewegungen, wenn sie erstarrt waren. Oder die seltene angeborene Erkrankung namens Williams-Syndrom, in der die betroffenen Menschen geistig völlig zurückgeblieben sind, aber eine außergewöhnliche musikalische Begabung offenbaren, in der sie mühelose jedes Musikstück bereits nach dem ersten Hören wiedergeben können.
Der 75-Jährige erzählt von Menschen, die nach einer Hirnverletzung ihre Musikalität verlieren und von anderen, die durch eine solche Verletzung erst Musikalität entwickeln.
Sacks ist sich sicher, dass neben dem Defekt auch fast immer ein Gewinn existiert, zumindest die Chance auf einen Gewinn.
Faszinierend, erhellend und ergreifend sind Oliver Sacks Fallbeispiele aus über vierzig Jahren Praxistätigkeit, die er überaus unterhaltsam darzubieten versteht, denn es gelingt ihm großartig, Literatur und Wissenschaft unter einen Hut zu bringen: er würzt seine detaillierten, von großem Fach- und Allgemeinwissen zeugenden "Geschichten" mit Sensibilität, Einfühlungsvermögen sowie seiner ausgezeichneten Beobachtungsgabe - eine wunderbar ganzheitliche Herangehensweise, die auch ihn selbst als Untersuchungsobjekt nicht ausschließt. Außerdem schwingt in jedem Kapitel seine eigene große Liebe zur Musik mit.
All dies macht dieses Buch - trotz gelegentlichen Einstreuens von Fachtermini und vielen tiefer erläuternden wissenschaftlichen Erklärungen, die jedoch mittels Fußnoten an den unteren Buchrand verbannt werden - locker und leicht zu lesen. Ein ausführliches Literaturverzeichnis im Anhang ergänzt den durchweg positiven Eindruck des Sachbuches, welches durch Hainer Kober flüssig und leger ins Deutsche übertragen wurde.
Fazit:
Einfühlsam, sensibel und klug schildert der 74-jährige Neurologe die geheimnisvollen Wechselwirkungen zwischen dem menschlichen Gehirn und dem manchmal krankmachenden, aber vor allem heilenden Einfluss der Musik anhand von verschiedenen Fallstudien aus seiner langjährigen Praxis.
Daher zeigen seine Geschichten vor allem, dass eigentlich noch viel mehr wissenschaftliche Aufmerksamkeit erforderlich ist. Denn die neurologische Untersuchung von Musik kann sich als grundlegend für das Verständnis und die Heilung des Gehirns als Ganzes erweisen.