Nachdem bereits „Feind des Feindes" keinen besonders guten Eindruck hinterlassen konnte, ist mit dem sich anschließenden fünften Band ein weiterer Tiefpunkt in der Serie erreicht.
Carl beschäftigt sich in diesem Buch hauptsächlich mit sich selbst und seinen Befindlichkeitsstörungen; die eigentliche Geschichte, die zwar einige gute Ansätze bietet, aber recht zäh und nur wenig packend gestaltet ist, wird durch zahlreiche Nebenhandlungen immer wieder überdeckt und zerrissen. Dabei fängt alles eigentlich ganz vielversprechend an: ein pensionierter schwedischer Generalleutnant wird ermordet. Der „normalen" Polizei, die den Fall zunächst routinemäßig übernimmt (hier begegnet uns wieder Rune Jansson, der unausgesprochene stille Held der Serie), wird - auch aufgrund der Begleitumstände der Tat - schnell klar, dass die Lösung nur in der Nazi-Vergangenheit des Opfers liegen kann. Als später ein ebenfalls pensionierter Konteradmiral - auf etwas weniger theatralische Art und Weise - umgebracht wird, beginnt die Suche nach einer Verbindung zwischen den beiden Fällen. Zufällig war Carls unmittelbarer Vorgesetzter mit einem der Opfer gut bekannt - Samuel Ulfsson glaubt nicht an eine Nazi-Vergangenheit seines ehemaligen Kommandanten, und aus diesem rein persönlichen Motiv wird Carl mit der weiteren Aufklärung betraut (wir befinden uns hier übrigens bereits auf Seite 149 der Taschenbuchausgabe!).
Carl und seine Assistenten Lundwall und Stalhandske tauchen also in die unrühmliche schwedische Vergangenheit ein. So verstaubt die Akten sind, die sie auswerten, so trocken ist auch das Aktenstudium. Das ganze ist zwar nicht gerade kafkaesk, wie Guillou schreibt; dennoch gehört die kriminalistische Feinarbeit und der detektivische Spürsinn, der hier aufgeboten sind, zu den Glanzpunkten dieses Buches. Unvermeidbar bei Guillou ist natürlich, dass die „normale" Polizei parallel an diesem Fall weiterarbeitet (und bis zum Schluss immer dem militärischen Nachrichtendienst hinterherhinkt). Als Leser dieselben Schlussfolgerungen zweimal nachvollziehen zu müssen, ist schlicht langweilig; wahrscheinlich will Guillou demjenigen, der irgendwann vielleicht den Faden verloren haben könnte, wieder auf die Sprünge helfen... Selbstverständlich ist auch noch die Säpo beteiligt, und ebenso selbstverständlich wieder auf einer völlig falschen Fährte - während in „Coq Rouge" völlig unschuldige Palästinenser Zielscheibe der Säpo wurden, sind es jetzt Kurden, denen die Morde in die Schuhe geschoben werden sollen. Ist es schon nicht sonderlich originell, „das Affenhaus auf Kungsholmen" immer wieder auf die Schippe zu nehmen, ist für mich die Grenze erreicht, wenn dazu auch noch auf Motive aus dem ersten Band zurückgegriffen wird!
Irgendwann findet man sich in einem komplizierten Geflecht von schwedischen, norwegischen und deutschen (Doppel-)Agenten, Informanten, Verrätern, Kollaborateuren und Widerständlern wieder; man stößt auf ungeklärte Mordfälle, auf Selbstmorde und auf Hinrichtungen. Schließlich kann einer der mutmaßlichen Täter namentlich ausgemacht werden - ihm wird zum Verhängnis, dass er einige Dokumente aus den Akten entfernt hatte. Lundwall kommt ihm auf die Spur, indem er die Ausleihverzeichnisse auswertet, und somit ist die Klärung des Falles in gewisser Weise der schwedischen Bürokratie zu verdanken. Interessant für Carl ist natürlich nicht in erster Linie, w e r die Täter sind, sondern w a r u m die beiden hohen Offiziere mehr als vierzig Jahre nach den Ereignissen ermordet wurden. Spekulationen um große Geheimnisse (verborgene Nazi-Schätze etc.) werden laut; die eigentliche Erklärung ist aber leider ebenso unspektakulär wie vorhersehbar. Der Fall endet schließlich mit einer routiniemäßigen „Operation" ohne große Spannungsmomente. Dass es sich bei der Klärung von Fällen, die viele Jahre zurückliegen, naturgemäß um keine besonders spektakuläre Geschichte handeln kann (obwohl es auch hierfür überzeugendere Beispiele gibt, etwa Colin Dexters „Mord am Oxford-Kanal"), ist aber nicht das eigentliche Problem; kein echter Coq-Rouge-Fan dürfte gegen ein stilleres, hintergründigeres Buch ohne allzu viel Action etwas einzuwenden haben, zumal die Auseinandersetzung mit der braunen Vergangenheit Schwedens sicherlich interessant ist.
Was den „Ehrenwerten Mörder" vielmehr so schwer verdaulich macht, sind die vielen Nebenhandlungen, mit denen Guillou diese Geschichte (die es verdient hätte, entschieden in den Mittelpunkt gestellt zu werden) hoffnungslos überfrachtet. Da ist zum Beispiel der „spontane" Ausfall von Stalhandske und Lundwall gegen schwedische Skinheads. Carl muss diese Affäre vertuschen und zahlt daher den Neonazis Schweigegeld - natürlich aus eigener Tasche, denn er hat's ja. Dieser Erzählstrang ist insgesamt ein wenig überzeugender Versuch, Nazi-Vergangenheit und Neo-Nazitum miteinander in Bezug zu bringen. Die permanenten Seitenhiebe auf die Säpo fehlen in diesem Buch ebenso wenig wie die Ergüsse über das schwedische Steuersystem - auf Dauer ist das schlicht ermüdend. Eine Neuigkeit ist zwar die Retourkutsche, die Carl dem „Expressen" erteilt (Carl hatte sich bislang immer nur über dieses Sprachrohr der Säpo geärgert, holt aber nun zu einem Gegenschlag aus); diese Geschichte ist aber leider mit dem Hauptfall überhaupt nicht verbunden und umständlich und mühsam konstruiert. Auch Carls Innenansichten und sein Privatleben sind diesmal entschieden zu breit geschildert. Dass er sich als Penner verkleidet, um seiner Popularität zu entgehen, ist lächerlich; seine Seitensprünge mit Tessie, sein Hin-und-Hergerissensein zwischen ihr und Eva-Britt sind absolut klischeehaft („Wahre und einzige Liebe" gegen „Pflichten eines Ehrenmannes"). Dass Eva-Britt sich zwischenzeitlich wegen Körperverletzung vor Gericht zu verantworten hat, ist ein weiterer völlig überflüssiger Handlungsstrang, der so durchsichtig angelegt ist (die Massenmedien stürzen sich wie die Geier auf diese Angelegenheit, Carl muss zu Eva-Britt stehen etc. ...), dass man fast die Lust am Weiterlesen verliert.
Die ganze „Psychologie", die Guillou seinem Titelhelden mit auf dem Weg gibt, bleibt bei allem Bemühen viel zu vordergründig; auch sind es immer dieselben Sachen, auf denen Guillou herumreitet. Dieser „overkill" wird einem einfach leid - getretener Quark wird breit, nicht stark. Guillou sieht sich vielleicht im Zugzwang, Carl nicht zu „einfach" darzustellen, aber „weniger" wäre hier entschieden „mehr" gewesen. Fazit: Coq-Rouge-Fans dürften sich wie immer nicht davon abhalten lassen, auch diesen Band zu kaufen; ansonsten dürfte dieses Buch nur für diejenigen von gewissem Wert sein, die an literarischer Vergangenheitsbewältigung interessiert sind.