Die Bücher von Rebecca Gablé haben etwas wunderbar Zuverlässiges an sich - alle zwei Jahre gibt es da dieses verregnete Herbstwochenende, an dem man in Gesellschaft ihres neuesten Romans die Welt, das Wetter und die Gegenwart vergessen darf. Die Dame schreibt gut informiert, flüssig und zuweilen mit einem kleinen Augenzwinkern. Und allzu gruselig wird's auch nicht, denn egal wie finster die Zeit, unser Held kommt immer durch und kehrt heim zu Frau, Familie und Enkelkindern. Sicher keine große Literatur, aber allerbeste Unterhaltung.
"Der dunkle Thron" ist dennoch eine Enttäuschung, und zwar sowohl aus historischer als auch aus erzählerischer Sicht. Aus historischer Sicht: Ganz schön mutig, mit Mary Tudor ausgerechnet jemanden zur historischen Hauptperson zu machen, der mit dem Beinamen "die Blutige" in die Geschichte eingegangen ist. Und ganz schön feige, an der Stelle abzubrechen, an der Marys Geschichte richtig interessant wird: Was zum Teufel ist denn bloß so katastrophal schief gegangen während ihrer Herrschaft, dass sie binnen fünf Jahren von einer vom Volk zur Krone getragenen Königin zu der Unperson mit dem obengenannten Beinamen wurde? "Der dunkle Thron" endet so, wie jeder Waringham-Roman endet, nämlich mit einer Krönung und allgemeiner Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung - kein Wort mehr über das, was danach geschah. Im Nachwort merkt Rebecca Gablé dann an, dass während Marys Herrschaft sicherlich das eine oder andere aus dem Ruder gelaufen sei. So kann man eine rekordverdächtige Zahl auf den Scheiterhaufen gebrachter Protestanten natürlich auch bezeichnen. Die spannende Frage, wie es dazu kommen konnte, bleibt unbeantwortet.
Fast bemitleidenswert: Marys Vater. Heinrich der Achte ist zwar alles andere als ein Sympathieträger, aber eine Darstellung, die etwas differenzierter ausfällt als die alte Geschichte vom bösartigen, frauenmordenden Fleischklops hätte er meiner Meinung nach schon verdient - insbesondere von einer Historikerin.
Enttäuschend aus erzählerischer Sicht: Waringham in jeder Beziehung. Protagonist Nick ist natürlich ein toller Kerl, zwar mit leichter Lernschwäche versehen, aber trotzdem mit vierzehn Jahren in der Lage, theologische Dispute zu führen, in denen er wie ein Vierzigjähriger klingt. In Zeiten der Reformation als einer der letzten Katholiken in England unterwegs, geht er selbstverständlich gegen die dunklen Seiten seines Glaubens an (lüsterne, raffgierige Priester) und kultiviert die Lektüre seiner verbotenen englischen Bibelübersetzung (aus Sicht seiner Freundin Mary eigentlich ein Grund, um auf dem Scheiterhaufen zu landen, siehe oben). Seine Kinder sind wohlgeraten, seine erste Gattin ist nicht ganz perfekt, die zweite ist hingegen so perfekt, dass sie auch perfekt wieder von der Bildfläche verschwindet, nachdem sie ihre Schuldigkeit für Liebesszenen und Nachwuchs getan hat.
Alle paar Seiten taucht jemand auf, der sich als entfernter Verwandter entpuppt, was dann in etwa so klingt: "Na klar, du bist der Enkel der Großtante der Nichte meines Urgroßvaters - also sind wir Vettern". Dann bricht auch noch jemand durch's Gebüsch, der Helmsby heißt. Nee, Freunde, also wirklich... Und gerade, wenn man sich fragt, wo eigentlich der männliche Verwandte bleibt, dessen gleichgeschlechtliche Neigungen für die Zeit ungewöhnlich verständnisvoll toleriert werden, erscheint wer? Na? Soviel zu den erzählerischen Überraschungseffekten.
Es gibt durchaus einige Charaktere und Szenen, die mir ein freundliches Lächeln entlockt haben. Aber es gibt mindestens genauso viele Szenen, die Seifenopernniveau haben (etwa wenn Nicky sich auf den letzten Seiten mit der entfremdeten Ex-Gattin versöhnen darf) oder schlichtweg albern sind (zum Beispiel die Diskussion um potentielle reformatorische Babynamen). Und dabei habe ich Sumpfhexe und Brechnuss noch gar nicht erwähnt! (Und werde es auch nicht tun, denn dies war für mich der verwirrendste Handlungsstrang des ganzen Buches - weil ich Brechnuss aus mir unerfindlichen Gründen sympathisch fand).
König Heinrichs Familiendrama bietet einen Stoff, bei dem man eigentlich gar nichts falsch machen kann. Da ist alles enthalten, was das Leserherz begehrt - Liebe, Hass, Eifersucht, Tragödie und himmelschreiende Ungerechtigkeit - und das Erstaunlichste am "Dunklen Thron" ist, dass davon im ganzen Buch nichts zu spüren ist. Der umso dramatischeren, weil wahren Geschichte gewinnt Rebecca Gablé keine neuen Facetten ab, die historischen Charaktere bleiben fern und oberflächlich, die fiktiven wie blasse Kopien aus den vorigen Romanen. Die kuschelige Waringham-Wohlfühl-Atmosphäre zieht sich durch den ganzen Roman, der letztendlich aber doch nur wie ein Flickenteppich aus den Vorgängern wirkt. Das Erfolgsrezept England+History+Waringham hat sich meinem Eindruck nach ganz enorm abgenutzt. Schade eigentlich, denn ich habe mich immer sehr auf das verregnete Lese-Wochenende im Herbst gefreut - aber nächstes Mal dann ohne mich.