Für diejenigen unter den Lesern, die sich mit der Psychoanalyse befasst haben und sich damit auskennen, ist dieses Buch eine schöne Ergänzung im Wissen um die Bedeutung, die Frauen für Freud und seine Wissenschaft gehabt haben.
Durch sie und mit ihnen konnte er seinen Erfahrungshorizont erweitern und über die seelischen Entwicklungsbedingungen des weiblichen Geschlechts berichten.
Er entstammte ja dem so genannten viktorianischen Zeitalter, in dem Prüderie und Tabus die Regeln des menschlichen Miteinanders zwischen den Geschlechtern bestimmten.
So musste er lange auf die Erfüllung in seiner Beziehung zu seiner Frau Martha Barneys warten, da ihm die finanziellen Mittel zur Eheschließung fehlten. Intime Beziehungen vor der Ehe kamen für ihn nicht Betracht.
Seine Mutter, seine Frau, seine Schwägerin Minna Barneys und nicht zuletzt seine Tochter Anna waren die wichtigsten weiblichen Bezugspersonen für ihn.
Erst im Laufe seiner Entwicklung und seiner fortscheitenden Berühmtheit durch die Entwicklung der psychoanalytischen Theorien und seiner Praxis kamen immer häufiger Frauen von einiger Bedeutung und von Gewicht zu ihm. Die Herausragenden waren ihrer Zeit voraus und waren berühmt von Geburt oder aufgrund ihres Reichtums oder der Eigenwilligkeit, mit der sie sich über Konventionen hinwegsetzten.
Zu den berühmtesten gehörten Lou Andreas Salomé, Dorothy Tiffany Burlington, letztere aus dem bekannten Geschlecht der Juweliere Tiffany, Hilda Doolittle und die Prinzessin Marie Bonaparte. Sie waren gebildet, betätigten sich schriftstellerisch oder studierten und interessierten sich brennend für die Psychoanalyse. Später praktizierten sie z. T. selber in diesem Berufe.
Von seinen Töchtern war es besonders Anna, die in die Fußstapfen des Vaters trat, und die schon zu seinen Lebzeiten eine unentbehrliche Ratgeberin und Betreuerin für ihn wurde.
Über Freuds eigene Entwicklung zum herausragenden Erneuerer und Erfinder einer neuen Wissenschaft, neben Darwin wohl der bedeutendste seiner Zeit, kann man einiges erfahren.
Es ist seine sanfte und liebenswürdige Seite, in die hier Einblicke gewährt werden.
Während die herkömmliche Psychoanalyse, wie wir sie heute kennen, auf der Abstinenzregel besteht, ist in den Anfängen der Wissenschaft die Trennung zwischen Privat und Beruf noch nicht so durchgängig, so dass man sich ein Bild machen kann, wie die lebendigsten und begabtesten Schüler und Schülerinnen in den Familienkreis der Freuds mit einbezogen wurden,--eine sehr interessante Offenbarung für alle mit der heutigen Psychoanalyse Vertrauten.
Ich war neugierig auf das Buch und bin neben den bekannten Einzelheiten noch einmal einem sympathischen und durchaus auch gelegentlich liebevollen Freud hier begegnet.
Linde Salber zeigt in diesem Bändchen über Sigmund Freud erneut ihre Fähigkeit, lebendige und anschauliche Biographien zu schreiben.