Das Gemecker zuerst: Graham Greenes "Dritter Mann" lohnt zweifellos das Lesen -- aber Greene hat bessere Romane geschrieben, und die sollte man lesen, bevor man in den gedruckten "Dritten Mann" reinschaut. Was den angeht: Da geht man besser ins Kino...
Dass der "Dritte Mann" nicht Greenes bestes Werk ist, liegt ganz einfach daran, dass man hier keinen "richtigen" Roman liest, sondern eine besondere Form des Drehbuchs, oder besser: "'Der dritte Mann' [...] sollte nie mehr sein als das Rohmaterial zu einem Film", erklärt Greene im Vorwort...
Warum aber die Redaktion der "SZ-Bibliothek" ausgerechnet dieses Werk in ihre Klassiker-Reihe aufgenommen hat? Nun, ich kann nur vermuten, und da dasselbe Haus auch den genialen Film in seiner DVD-Reihe anbietet, liegt dem Ganzen wohl weniger literarische Kennerschaft als vielmehr die Hatz nach schnödem Mammon zugrunde. Schade, denn wer Greenes "richtige" Meisterwerke nicht kennt und dem Autor nun zum ersten Mal begegnet, könnte sich vielleicht wundern, warum nur der so gelobt wird.
Aber nun zum "Dritten Mann", und zwar zum Buch, nicht zum Film. Ob der Rezensent nämlich das Buch tatsächlich gelesen hat, oder ob er sich bequem auf den Film bezieht, merkt man schnell: In der Filmerzählung heißen einige Figuren noch anders, haben auch z.T. eine andere Nationalität, mancher Erzählstrang verläuft *etwas* anders als im Film, und die Geschichte geht auch *etwas* anders aus... Wenn so ein bequemer Rezensent wenigstens Greenes Vorwort gelesen hätte, wäre er gewarnt gewesen, denn hier erläutert der Autor die Gründe für die Änderungen... mit anderen Worten: Die Lektüre weniger Seiten hätte so manchem Möchtegern-Belesenen die Blamage erspart.
Und nun zur Handlung, die bis auf den Schluss im Wesentlichen mit dem Film übereinstimmt:
Rollo (!) Martins, englischer (!) Autor von Groschenromanen à la Zane Grey (!), wird von seinem Jugendfreund Harry Lime nach Wien eingeladen; es bestünden hier verlockende Verdienstmöglichkeiten. Der reichlich naive Martins trifft also ein im Dschungel des Nachkriegs-Wien, das ähnlich wie Berlin in vier Besatzungszonen und eine international kontrollierte Innenstadt geteilt ist. Die Stadt liegt in Trümmern, der Schwarzhandel blüht, Intrigen und Korruption wuchern, ein Menschenleben ist nicht viel wert. All das erfährt Martins erst nach und nach, aber zuallererst erfährt er, dass Harry Lime verunglückt sei; er komme gerade noch rechtzeitig zum Begräbnis. Und nun zerbröselt Martins' heile Welt in Rekordzeit: Nicht nur widersprechen einander die Aussagen von Harrys Freunden über dessen Tod (Komisch, alle waren sie zufällig zugegen), sondern der britische Oberst Calloway eröffnet Martins auch noch, dass sein alter Freund Lime in Penicillinpanscherei verwickelt war und den Tod Unzähliger auf dem Gewissen hat. Und dann lernt Martins auch noch Limes Freundin kennen, die Lime natürlich ein wenig anders sieht als Martins.
Ja, und dann taucht auf einmal der tot geglaubte Harry Lime wieder auf, und zwar sehr lebendig...
All diese Ereignisse erschüttern Rollo Martins mitsamt seiner Schwarz-Weiß-Weltsicht, und dass auch das Gute hässliche Kratzer haben kann, und dass die falschen Entscheidungen moralischer sein können als die richtigen, muss er auch lernen.
Erzählt wird das Ganze von Oberst Calloway, also von jemandem, der selbst einen eigenen Standpunkt vertritt im Film; wenn man so will, wird also die Perspektive gleich zweimal gebrochen: Nicht Martins erzählt, was er sieht und denkt, sondern Calloway erzählt, was seiner Meinung nach Martins sieht und denkt. Die ironische Brechung ist immer vorhanden, wenngleich kaum fassbar. Das heißt aber nicht, dass hier die vor Slapstick sprühende "Dichterlesung" Rollo Martins' zu kurz käme. Und das Beste ist, dass diese grandiose Komik nahtlos in die Erzählung hineinpasst -- solche "Rohfassungen" dürfte es nicht oft geben...
Gleichzeitig ist das ein hervorragender Trick des ausgebufften Romanciers Greene, denn eben dadurch, dass Calloway das Vorkriegs-Wien mit Fiaker, Heurigen und verwandten Klischees nicht kennt, lernt man aus der Erzählung eines Desillusionierten die Atmosphäre des Nachkriegs-Wien erst kennen, und ohne Calloways Hintergrundwissen könnte man auch die besonderen Bedingungen kaum nachvollziehen, die die Handlung erst ermöglichen: Die besonderen politischen und topographischen Bedingungen, die Einblicke in die Entwicklung des Schwarzmarktes, das bürokratische Klein-Klein zwischen den Westmächten und der Sowjetunion. Außerdem merkt man, dass Greene bestens wusste, wie es in damaligen Geheimdienstkreisen so zuging, stand er doch selbst in Diensten Seiner Majestät. Dieses Hintergrundwissen fließt unaufdringlich in die Erzählung ein, und ein weiterer Pluspunkt sind Greenes lakonischen Metaphern; wenn beispielsweise "der Stephansdom seinen mächtigen kriegswunden Turm zum Himmel empor" reckt, dann schildert das die verzweifelte Stadtruine beeindruckender als langatmige Beschreibungen, und seien sie noch so exakt.
Jetzt aber zur Gretchenfrage: Wieso lohnt sich die Lektüre eines Film-Rohmaterials, wenn doch der Film seine Vorlage nicht nur in den Schatten stellt, sondern schon fast in eine Sonnenfinsternis?
Nun, zunächst einmal natürlich deswegen, weil auch das, was ein Graham Greene als "Rohmaterial" bezeichnet, anderen Autoren gierige Augen bescheren würde. Die Erzählung ist nämlich gut.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Wer ein wenig mehr darüber wissen will, wie ein Film wirkt, und wer sich schon einmal überlegt hat, wie ein Regisseur literarische Verfahren in einen Film bzw. in dessen Sprache "übersetzen" kann, für den ist der "Dritte Mann" auch gedruckt eine gut gefüllte Schatzkiste. Hier muss man freilich seine Erinnerung an frühere Kinobesuche hervorholen, aber das lohnt sich.
Ein paar Vorschläge: Das Buch erzählt Oberst Calloway, und der ist kein neutraler Beobachter. Den Film "erzählt" die Kamera -- aber wie? Gibt es in einer Filmerzählung konkrete, detaillierte Regieanweisungen, die nahtlos in die Erzählung integriert sind? Ja, gibt es, und zwar sehr geschickt versteckt. Natürlich muss im Buch mehr Hintergrundwissen explizit erläutert werden; einem guten Kameramann steht da ganz anderes zur Verfügung.
Und dass einige Szenen sich im Buch völlig anders lesen als im Film sehen, liegt auch auf der Hand.
Freilich, der Zwang besternter Bewertung bereitet mir Bauchweh: Gäbe es da nicht diesen genialen Film, dann fiele sie höher aus -- aber dann hätte Greene wohl aus dem Rohmaterial auch mehr erzählerische Aufmerksamkeit gewidmet.
Ein guter, spannender Thriller ist der "Dritte Mann" allemal. Aber weil es nun einmal den Film gibt, überwiegt doch das akademische Interesse am Buch. Zum Lesen hat Greene nämlich weit Besseres geschrieben.