In der Bourgeoisie ist der Teufel los, denn Luis Bunuel kann es einfach nicht lassen! Erneut erteilt er den Großbürgern eine bittere Lektion, indem er sich diesmal klammheimlich in den intimen Kreis einer elitären Runde aus drei Männern und drei Frauen einschleicht, wo er den permanenten Versuch, sich zu einem gemeinsamen Essen zu verabreden, stets aufs Neue zum Scheitern bringt, weil eine unglückliche Verkettung von Missverständnissen die Freude an dem opulenten Gelage immer wieder zunichte macht. So irren sich die Gäste im Datum oder der Besitzer eines Lokals, auf das man ausweicht, liegt wenig appetitlich in einem Nebenraum als Leiche aufgebahrt; später ist das Gastgeberehepaar indisponiert, weil sie lieber ihren sexuellen Leidenschaften nachgehen und zu allem Überfluss stürmt auch noch eine Kompanie Soldaten den Ort des Geschehens, so dass die Bourgeoisie, so sehr sie sich auch müht, einfach nicht zu Tische kommt.
Schleifenartige Wiederholungen sind der Stoff aus dem Alpträume gemacht werden, doch egal welche Gemeinheit Luis Bunuel aus seiner unerschöpflichen Wundertüte an peinlichen Momenten auch parat hält, diesen sechs Personen gelingt es stets, krampfhaft die Etikette zu wahren, und so zu tun, als wäre nichts geschehen. Zumal hier drei Herren am Tisch sitzen, die sich ganz bewusst in diskretem Charme üben, weil sie wissen, dass sich ihr Wohlstand auf schmutzigen Geschäften gründet. Einer von ihnen ist Don Rafael, Botschafter des fiktiven Staates Miranda, einer korrupten Bananenrepublik irgendwo in Lateinamerika. Er schmuggelt Kokain nach Frankreich ein und verkauft es an die anderen beiden Herren weiter, weshalb die Mafia und eine linksradikale Terroristin aus seiner Heimat ihm auch nach dem Leben trachten. Doch dies spielt nur am Rande eine Rolle, denn Bunuel entlarvt die Bigotterie der feinen Kreise auf süffisante Weise bei Tisch und es ist wirklich bemerkenswert mit welcher selbstgefälligen Gleichgültigkeit diese Herrschaften eine fröhliche Schicht belanglosen Geplauders über unangenehme Themen wie Korruption und soziale Verelendung legen und sich in ihrem stocksteifen Benehmen als blasierte Ignoranten entpuppen, die in einer Welt gefangen sind, wo die graue Lebenswirklichkeit für die Arroganz der Macht keine Rolle mehr spielt und der Alltag scheinbar nur noch aus Sex und alkoholischen Getränken besteht. Dazu werden die drei Damen von Bunuel zu schmückendem Beiwerk degradiert, das sich in oberflächlichem Smalltalk übt, während sich die Männer in exaltierten Fachsimpeleien über die verschiedensten Gesöffe ergehen. Und wem dieser Film nicht gefällt, der bekommt zumindest ein Rezept für einen herzhaften Martini mitgeliefert: am besten trocken und ungerührt, gebadet in Eiswürfeln mit einer Temperatur von 15 Grad unter Null, einen kleinen Spritzer Gin hinein und den Cocktail standesgemäß in einem kegelförmigen Glas servieren. Kosten sollte man den edlen Trunk wie einen Champagner, nämlich ganz vorn auf der Zunge. Das beruhigt die Nerven, was auch bitter nötig ist, denn die Angst vor einer möglichen Razzia schwingt immer mit, so dass die Herren sogar das Militär in ihrer Runde tolerieren, um ihre Privilegien zu sichern. Denn wieso sollte die Armee auch einen Drogenring auffliegen lassen, wenn die Soldaten selbst Marihuana rauchen müssen, um ihr Berufsrisiko (den Tod) besser ertragen zu können? Und obwohl die Netzwerke der Macht sie schützen, dringt das Trauma der verpatzten Abendessen dennoch bis in die Träume der Großbürger vor. So öffnet sich plötzlich ein Vorhang und der illustre Kreis sieht sich auf einer Theaterbühne wieder, wo ihnen ein Souffleur vorgefertigte Texte zuflüstert, als seien sie Schauspieler, die mit geheuchelten Worten versuchen, sich gegenseitig etwas vorzumachen. In einem anderen Traum erschießt Don Rafael einen Oberst, weil dieser das macht, was sich seine Tischnachbarn in der Realität kaum wagen würden, nämlich kritische Fragen zu den Missständen in seiner Republik zu stellen, die sich selbst mit noch so eloquenter Rhetorik ("Guerillas gehören bei uns zur Folklore!") kaum wegwischen lassen. Womit Bunuel ganz ungeniert den wunden Punkt der gesellschaftlichen Eliten aufdeckt, die bis heute nicht in der Lage sind, das Fehlen einer allgemein verbindlichen Ethik, durch eine persönliche Moral zu ersetzen.
Auch in diesem Film hält der Meister wieder ein paar schauerliche Momente für den Zuschauer bereit, wenn er uns in die dunkle Schattenwelt entführt, wo Geister, Spuk und Mord regieren. Zwei Soldaten erzählen jeweils eine Geschichte aus dem Totenreich, die Bunuel auch ziemlich gruselig umsetzt: Ein kleiner Junge rächt seine verstorbene Mutter, die ihm in fahlen Bildern aus dem Jenseits heimsucht, denn er soll seinen Stiefvater vergiften, der seine leiblichen Eltern auf dem Gewissen hat. Ein anderer Traum zeigt einen Soldaten, der auf einer endlos langen Strasse durch die Stadt der Toten wandelt. Ein Chor an murmelnden Stimmen wird zum Ausdruck der erlösten Seelen. Und auch Bunuels obligatorischer Seitenhieb auf den Katholizismus darf nicht fehlen. So heuert ein Bischof bei einem der Paare als Gärtner an, um den Mörder seiner Eltern zu finden und ihn wenig gnädig ins Jenseits zu befördern. Die Großbürger lassen solche Geschichten freilich kalt, aber man darf sich sicher sein, auch die sechs Snobs bekommen, was sie verdienen, so dass am Ende die aufgesetzte Fassade mit einem Donnerschlag krachend in sich zusammenstürzt und alles unter sich begräbt: die Eliten, die Autoritäten und den Katholizismus. Eben jene Eckpfeiler der Gesellschaft an denen Luis Bunuel in seinem Schaffen in aller Respektlosigkeit rüttelte.
Vielleicht ist das sogar einer der schönsten Filme von Luis Bunuel, weil er auf leichtfüßige Art und Weise den Surrealismus aus seinem frühem Schaffen mit dem schwarzen Humor des Spätwerks verbindet und so ganz nebenbei in seiner ironischen Erzählweise und den zynischen Dialogen sehr nah an die politische Satire heranrückt. Mit von der Partie sind auch hier wieder die üblichen Verdächtigen wie Fernando Rey, Paul Frankeur und in einer Nebenrolle Michel Piccoli. Bonusmaterial ist auf dieser Einzel-DVD nicht vorhanden.