Ein jeder, der sich in künstlerischer oder wissenschaftlicher Hinsicht mit dem Kulturgut Sprache beschäftigt, kommt um die Anschaffung eines Synonymlexikons nicht herum. Immerhin wird der deutsche Wortschatz in der Regel zwischen 300.000 und 500.000 Lexemen angegeben; dies mutet gewaltig an im Vergleich zu unserem aktiven Wortschatz, denn selbst die begabtesten Redner kommen kaum über 10.000 Wörter hinaus. Freilich schlummert im passiven Wortschatz vieles, das man einmal gehört oder gelesen hat, bloß man benutzt es eben nicht. Gerade dort, wo es um begriffliche Präzision oder Vielfalt geht, ist es unbedingt geboten, auf Hilfsmittel zurückzugreifen.
Eines davon ist der "Dornseiff". Mit seinen 933 Seiten und seiner Tradition - die erste Auflage erschien 1934 - hat sich dieser Wälzer seinen Ruhm erstritten, und zwar nicht zu Unrecht. Insbesondere die Struktur nach Sachgruppen ist ein unübertroffenes Glanzlicht dieses Werkes, denn so findet man etwa unter dem Eintrag "Überall" neben Redewendungen "auf Schritt und Tritt" und echten Synonymen "allerorten" auch fremdsprachliche bzw. biologische Begriffe, etwa "ubiquitär". Das Studieren dieser Begriffe erweitert den sprachlichen Horizont immens und letztlich ist es diese Struktur, die es ermöglicht, den Dornseiff theoretisch einfach aus Lust und Laune zur Hand zu nehmen, um damit seinen Wortschatz zu erweitern.
Ein Manko bleibt allerdings festzuhalten, daher gibt es auch nur vier Sterne: Das Werk des Sprachwissenschaftlers Franz Dornseiff (1886-1960) ist zwar im Laufe der Jahre immer und immer wieder sorgfältig erweitert worden, gleichwohl gewinnt man den Eindruck, dass wirkliche moderne Verwendungsmöglichkeiten von Wörtern - d.h. neu hinzugekommene Identifikationsbasen von Lexemen - selten zu beobachten sind. Auch das Register vermag nicht immer zu überzeugen: Unter dem Eintrag "Mimikry" (Gestaltwandel) wird man auf "Nachgeben/Schlaffheit" verwiesen. Hier liegt faktisch eine falsche Bedeutung zugrunde.
Dennoch, wer den Dornseiff im Schrank stehen hat, der wird vielleicht manchmal einiges über das Stiefkind deutsche Sprache erfahren, das er noch gar nicht wusste. Und während sich aus berufenen und vielfach unberufenen Mündern Stimmen zur deutschen Rechtschreibreform äußern, kann man im Dornseiff einfach versinken und erkennen, wie schön, facettenreich, poetisch und vielfältig die deutsche Sprache letztlich ist.