Das Buch handelt von allem möglichen, aber ein Bild des heutigen deutschen Wortschatzes liefert es nicht. Jeder Einfall, ob er zur Sache gehört oder nicht, wird durch Zitatschnipsel anderer Autoren belegt, die ebenfalls aus dem Zusammenhang gerissen und stets unnötig sind. Für Studenten ist der Text weitgehend unverständlich, und der Fachmann erkennt überall die Banalität oder Verkehrtheit hinter dem Wortschwall. Unkonzentriert wie das ganze Buch wirkt gleich der erste Satz des Vorworts:
"Das Lehrbuch (...) stellt das komplexe Phänomen 'deutscher Wortschatz' vor, indem dieses aus verschiedenen inhaltlichen und methodischen Perspektiven betrachtet wird." (V)
Die hilflose Verknüpfung mit "indem" ist so bezeichnend wie die Aufblähung des nichtigen Inhalts durch pseudowissenschaftliche Ausdrücke. Typisch für den Stil des ganzen Buches ist auch dieser Abschnitt:
"Neben dem kognitiven Wissenssystem sind auch die Prozesse der Sprachverarbeitung (Sprachproduktion und Sprachverstehen) für die Sprachfähigkeit konstitutiv. Außerdem kann eine funktionierende Kommunikation nicht nur auf der Basis des Sprachwissens erfolgen, sie resultiert vielmehr aus dem Zusammenwirken mehrere kognitiver Fähigkeitssysteme, die eigene Regeln haben." (76)
Man sollte nicht versuchen, über den Sinn solcher Sätze, insbesondere des "neben" und "außerdem" oder auch nur "kognitiv" genauer nachzudenken.
Wie schon im Morphologie-Buch Römers werden Bruchstücke aus allen möglichen Theorien und Bereichen der Sprachwissenschaft durcheinandergemischt. So ist die Seite über "Das syntaktische Wort" praktisch unverständlich.
Ein Beispiel für die Belegung banalster Aussagen mit Literaturhinweisen: "Nach Fritz (1998) hat seit Beginn der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die wissenschaftliche Beschäftigung mit der historischen Semantik international deutlich zugenommen." (211) - Aber die Bedeutungsgeschichte ist doch seit Beginn der historischen Sprachwissenschaft eines ihrer Hauptthemen und hat, wenn man von der generativen Grammatik absieht, nie nachgelassen. Über ähnlich schiefe Behauptungen ärgert der Leser sich auf beinahe jeder Seite.
In "Steckt niemals den Sand in den Kopf" soll ein "Verstoß auf syntaktischer Ebene" vorliegen, und zwar gegen Reihenfolgeregeln. (4f.) Aber die Syntax ist ganz in Ordnung.
Die Terminologien der Fachsprachen werden überraschenderweise unter "temporäre Lexik" subsumiert: "Temporäre Soziolekte betreffen nur eine 'gewisse Zeit im Tages- oder Jahresablauf [...] Freizeitgruppen, Hobbygemeinschaften, andere Tages- oder Nachtvergnügungsgruppen mit eigenem Jargon oder Wortschatz (Löffler, 1994). Hierher gehören auch die Berufs-(Fach-)Sprachen." Seltsamer ist Fachsprache wohl noch nie eingeordnet worden. Römer scheint von der Tatsache beeindruckt zu sein, daß der Fachmann nicht Tag und Nacht Fachsprache spricht.
Unter dem Titel "Politisch 'korrekte' Motivierungen" streut Römer eigene politische Meinungen aus: "Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Rüttgers verunglimpfte 2009 in einer Rede alle rumänischen Arbeiter. Er hatte bei einem Wahlkampfauftritt in Duisburg mit Blick auf die Verlegung des Bochumer Nokia-Werkes gesagt, die Beschäftigten in Rumänien kämen zur Arbeit, 'wann sie wollen, und sie wissen nicht was sie tun'. Damit bereitete er den Nährboden für Fremdenfeindlichkeit'." (Letzteres ist ein Zitat aus der Süddeutschen Zeitung, deren Meinung als Tatsachenbehauptung übernommen wird.) Römer fährt fort: "2005 hatte Steuber (!) als Ministerpräsident von Bayern im Wahlkampf geäußert: 'Ich akzeptiere nicht, dass der Osten bestimmt, wer in Deutschland Kanzler wird. (....) Diese pauschalen Beleidigungen aller Ostdeutschen löste (!) damals zu Recht eine große Empörung aus." (68) - Was das alles mit dem deutschen Wortschatz zu tun hat, ist nicht erkennbar. In diesem Kapitel schreibt sie "ausserdem" und "heisst". Der Plural von "Etymon" soll "die Etymone" heißen. (104)
Außer an sprachwissenschaftlichem Fachwissen fehlt es auch an Allgemeinbildung.
Das Buch ist völlig unbrauchbar und gehört nicht in einen sprachwissenschaftlichen Verlag.
Studenten bringt es in Gefahr, ihre knappe Bologna-Workload-Zeit mit Grübeleien über den Sinn des Gelesenen zu vergeuden, weil sie nicht gleich erkennen können, daß es einen solchen Sinn gar nicht gibt.