Peter Watson zeigt in diesem Buch auf, dass die fortdauernde Beschäftigung mit der Nazi-Zeit, sogar auch in Lehrplänen für Schulen, das allgemeine Publikum in Großbritannien und den Vereinigten Staaten daran hindert, sich mit den enormen deutschen Beiträgen in der Zeit vor und nach Hitler auf allen Gebieten der Kultur gebührend zu befassen, ja diese manchmal überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.
Watson greift alle Aspekte auf, eine gigantische Aufgabe, selbst wenn man nicht von ihm erwarten kann, alle Gebiete zu beherrschen, und somit manche seiner Betrachtungen tiefschürfend und erhellend, andere dagegen ein wenig oberflächlich sind; so gibt es hier und da Namenslisten, die dann aber nicht weiter besprochen werden, außer dass Watson sie irgendeiner bestimmten Gruppe zuordnet. Es wäre jedoch für mein Empfinden kleinlich einer solchen umfassenden Schatzkammer deswegen weniger als fünf Sterne zu erteilen.
Oft lenkt Watson unsere Aufmerksamkeit auf in britischen Kreisen kaum bekannte deutsche Erfolge, die zwar als solche von Bedeutung sind, jedoch keinen spezifisch deutschen Charakter haben. So haben deutsche Wissenschaftler ihre Gebiete enorm bereichert und werden damit im Buch auch stark herausgestell; doch ist die Wissenschaft international und nicht speziell deutsch in ihrem Wesen. (Erst als die Nazis die Relativitätstheorie als unwissenschaftlich ablehnten und rassische "Wissenschaften" zu unhaltbaren neuen Gipfeln führten, könnte man von solchen Eigenheiten sprechen). Hier sollen jedoch einige der Aspekte behandelt werden, die spezifisch deutsch sind.
Zuerst wäre dort die Art, die Rolle und die selbstauferlegten Ziele der deutschen Universitäten zu nennen. Bereits im 18. Jahrhundert gab es fünfzig Universitäten im damaligen Deutschland, denen England nur zwei entgegenzustellen hatte. Die bedeutendsten waren Halle in Preußen und Göttingen in Hannover. Sie waren vom Geist des Pietismus durchdrungen, einer Form des Protestantismus, die darauf abzielte, das Beste in sich selbst zu entwickeln, dabei jedoch mit der Pflicht, die Welt durch harte Arbeit, durch eigene Beiträge, durch wirkungsvolle Tätigkeit und durch Unbestechlichkeit zu verbessern. Friedrich Wilhelm I von Preußen (1713 bis 1740) hatte sich schon in 1708 dem Pietismus angeschlossen. Wie auch die anderen deutschen Landesherren, kontrollierte er die Universtäten, besetzte sie mit pietistischen Lehrern und förderte Pietisten in Beamtenschaft und Armee.
Obwohl die Pietisten tief religiös waren, brachen sie aber in den Universitäten die Herrschaft der Theologie und förderten Philosophie und weltliche Wissenschaft. Sie schufen und entwickelten den Begriff der "Bildung", der die Pflicht beinhaltete, in der Erziehung nicht rein rezeptiv zu bleiben, sondern auch den Weg dauernder Eigenentwicklung zu beschreiten, durch eigene Forschungstätigkeit und deren Beurteilung durch andere Forscher. Die Wichtigkeit, die den Universitäten vom Staat her zuerkannt wurde und die Art und Weise, wie sich diese methodisch in der Forschung organisierten, lieferten ohne Zweifel die Basis für die überragende Stellung der deutschen Wissenschaften im 19. Jahrhundert - der Staat war zwar in vielerlei Hinsicht autoritär, ermutigte jedoch die geistige Freiheit seiner Lehrer und Forscher. In den 1860er und 1870er Jahren erreichten die Technischen Hochschulen (im Gegensatz zu britischen Polytechnika) Prestige und Rang der Universitäten als Forschungszentren, was sich darin zeigte, dass sie ihren Studenten nicht nur ein technisches Diplom, sondern auch den Rang eines Doktors zuerkennen durften. Das wird auch die Erfindungen und Erfolge der deutschen Indusrie stark fördern.
Ein anderer spezifisch deutscher Aspekt dieser Kultur ist die "spekulative Philosophie", wie Watson sie nennt. Die deutsche "Aufklärung" betonte eine organische Entwicklung, im Unterschied zur Newton'schen externen Kausalität in den Wissenschaften. Man betrachtete dies als ein
philosophisches Prinzip, dass nicht nur das Verständnis der Geschichte und der Naturwissenschaften erlaubte, sondern auch das des Ichs und der Welt an sich; Genies und Dichter waren besonders befähigt, dieses Prinzip zu erkennen und auszudrücken. Der große Künstler erhebt die Künste, besonders die Musik, aus dem Bereich der bloßen Unterhaltung heraus in den der reinen Wahrheit.
Watson setzt sich mit den so deutschen Philosophien von Kant, Fichte, Schelling und Hegel auseinander, ist jedoch hier, wie ich meine, in seiner Zusammenfassung solcher an sich schon dunklen und schwerverständlichen Ideen nur begrenzt erfolgreich, ja, in Bezug auf Hegel, schon durchaus unzureichend. Auch die Betonung des Willens ist hauptsächlich bei deutschen Denkern anzutreffen, wie auch Heideggers Philosophie Elemente enthält, die ebenfalls spezifisch deutsch sind.
Nationalismus, Rassismus, Antsemitismus lassen sich außerhalb Deutschlands gleichfalls ausmachen, doch Watson geht auch auf die Umstände ein, durch die solche Ideen im Deutschland des 19.Jahrhunderts eine besondere Stärke annahmen, sodass man sie, im Nachhinein, als Saat des deutschen Nationalsozialismus im folgenden Jahrhundert ansehen kann. Im Hinblick auf diese Periode beschreibt er eingehend die abstoßenden Aspekte der Nazi-"Ästhetik", die man als typische deutsch bezeichnen könnte, wenn sie nicht ihr Spiegelbild im Stalinismus besäßen. In ähnlicher Weise erkennen wir eine spezifisch deutsche "Theologie" in der Kirche der "Deutschen Christen", die ihrerseits von deutschen Theologen wie Barth, Bultmann, Tillich oder Bonhoeffer bekämpft wurde, die mit ihren Lehren später internationale Bedeutung gewinnen sollten.
Zwei lange Kapitel setzen sich mit den Beiträgen von in dieser Zeit nach England oder in die USA ausgewanderten deutschen Intellektuellen intensiv auseinander.
Die letzten beiden Kapitel behandeln die Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland, u.a. mit dem Bemühen einer Gruppe deutscher Denker, die deutsche Kultur vor der Nazizeit zu betrachten, mit dem Ziel, die Frage zu klären, warum diese Kultur nicht in der Lage gewesen war, sich gegen die Nazis zu behaupten. Da war der Historikerstreit (die Diskussion der Frage ob die Verbrechen der Nazis etwas spezifisch Deutsches darstellten, was jedoch bei Watson nur am Rande erwähnt wird) und die Debatte über den sogenannten deutschen Sonderweg. Auch die Romane von Grass, Böll und Schlink befassten sich mit solchen Fragen. Die Ereignisse von 1968 und das folgende Jahrzehnt stellten laut Konrad Jarausch endlich eine entschiedene antiautoritäre Entwicklung der Werte Westdeutschlands dar, wobei man überrascht ist, wieviele ostdeutsche Schriftsteller (die, außer Brecht, im Westen kaum bekannt sind) auch gegen das dortige Regime angingen.
Der Platz reicht nicht aus, auch noch etwa auf die Bedeutung des ernsthaftigen deutschen Theaters, oder die von Nachkriegsfilmen einzugehen, oder auf Watsons zusammenfassende Schlussbemerkungen, die den enormen Einfluss deutscher Ideen - ob man ihn nun gutheißt oder nicht - auf den Rest der Welt unterstreichen.