....ist dem andern sin Nachtigall".
Um es gleich vorweg zu sagen: das Buch von Gerd R. Ueberschär (und anderen Autoren aus dem Umfeld des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Freiburg) ist ein Handbuch, "wie man es sich wünscht" (Eberhard Jäckel), verfaßt von militärhistorischen Fachleuten für militärhistorische Fachleute. Für diese Klientel bietet das "Standardwerk" alles, was das Herz begehrt. Zum sogenannten "Unternehmen Barbarossa" bietet das Buch Einblicke in die Lebensraumtheorie der Nazis, erläutert, wissenschaftlich fundiert, die propagandistische Begleitmusik des Unternehmens, erörtert das Unternehmen Barbarossa als Prototypen eines wirtschaftlichen Raubkriegs, kontempliert die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen während des Krieges, stellt die Ungeheuerlichkeiten der Judenvernichtung im "Kontext" dar, und so weiter, und so fort.
Warum dieser Krieg nicht unterbleiben konnte allerdings, warum also die Militärs sich nicht von Anfang an widersetzt haben, dazu sagt das Buch so gut wie nichts.
Für die Hand des Fachhistorikers ein sicher "handbücherliches" Unternehmen, auf das er immer wieder, im Zusammenhang mit seinen eigenen Forschungen, zurückgreifen wird und muß. Für den Laien (wer wäre schon gerne Experte im Umfeld von verbrecherischen Raubkriegen, angezettelt von größenwahnsinnigen Diktatoren, wie sie im glücklicherweise zuendegegangenen 20. Jahrhundert an der Tagesordnung waren?) ist das Buch so gut wie: ungeeignet. Wer sich ein präzises und zusammenhängendes Bild darüber verschaffen will, was die "Geschichte" des Unternehmens Barbarossa, des Russlandfeldzugs der Nazis, gewesen ist, und was sie an Einzelheiten zusammengehalten hat, ist hier ausgesprochen schlecht bedient.
Im Gegensatz zu vielen ihrer englischsprachigen Kolleginnen (angefangen bei der unerreichten Barbara Tuchman, aber bei ihr lange nicht zu Ende) und Kollegen sind deutsche Fachwissenschaftler eben ausschließlich Wissenschaftler, und ein Ausflug in die "Niederungen" dessen, was auch ein Laie als interessante, spannende und literarisch anspruchsvolle Lektüre verstehen und wertschätzen würde, schließt sich bei deutschen Wissenschaftlern als populärwissenschaftlich und damit nicht eigentlich standesgemäß aus. Deutsche Wissenschaftler bleiben eben am liebsten unter sich, sie erzählen nicht eine Geschichte (im doppelten Wortsinn), sondern reflektieren nur deren Nuancen und querverweisen auf sonstige Feinheiten, die den Laien nun mal nicht viel weiterbringen. Hinzu kommt leider, daß sich unter den deutschen (historischen) Publizisten eben auch, inzwischen bedenklich allzu lange, keine so herausragenden Schriftsteller und Erzähler wie beispielsweise Reinhold Schneider, Golo Mann oder Sebastian Haffner, aber nicht nur diese, mehr zu erkennen gegeben haben.
Wer sich als Laie einen spannend erzählten und mitreißenden Einblick in das sogenannte Unternehmen Barbarossa, den ungeheuerlichen Überfall der Nazis auf die Sowjetunion, verschaffen möchte, sollte sich um dieses Buch keine weiteren Gedanken machen. Für solche Leser allerdings, die zweifellos ja auch von der Publizistik "bedient" zu werden verlangen können, wäre die dreibändige, ebenso mitreißende wie historisch ebenfalls unanfechtbare Romantrilogie "Moskau - Stalingrad - Berlin", des zu Unrecht fast vergessenen Autors Theodor Plievier, unmittelbar nach dem Ende des II. Weltkriegs in deutscher Sprache erschienen (und über Amazon noch aufzuspüren), die weitaus lohnendere Lektüre. Wer diese Bücher einmal gelesen hat, wird nie wieder von ihnen loskommen, und er wird ebenfalls alle relevanten Fragen in Zusammenhang mit dem "Unternehmen Barbarossa" (und wie es sein Ende fand) detailgenau beantwortet finden.
Andererseits (und wie schon gesagt): dem einen sin Uhl ist dem andern sin Nachtigall.