Theologische Ein- und Ausführungen
Ein Buch von Alister E. McGrath
Auf dem Schutzumschlag des Buches «Der Weg der christlichen Theologie. Eine Einführung» von Alister E. McGrath ist die berühmte Mitteltafel von Grünewalds Isenheimer Altar abgebildet. Der gemarterte und zu Tode gebrachte Jesus hängt am Kreuz, rechts neben ihm steht Johannes der Täufer, der mit ausgestrecktem, langem Finger auf Christus weist, darüber in roter Farbe der lateinische Schriftzug: Er muss wachsen, ich aber abnehmen. Als Emblem recht verstandener Theologie die nicht auf sich selbst, sondern auf Christus zu verweisen habe hing dieses Bild bekanntlich über dem Schreibtisch Karl Barths, der dann prompt in der ersten Zeile des Vorwortes auch genannt wird. Barths «wunderschöne Vision christlicher Theologie» wird aufgerufen, die Begeisterung ganz allgemein, die das Studium der Theologie nach McGraths Überzeugung zu wecken vermöge (aber leider allzu oft nicht wecke).
Ohne eigene Gedanken
Nicht auf sich, sondern auf Christus zu verweisen gelingt nach Barth freilich nicht dem einfachen Dabeisteher, sondern nur jenem, der selbst posto gefasst hat und deshalb weiss, worum es geht und worauf er denn genau zu zeigen hat. Just dies aber will der Autor, zum Segen seiner Studenten- und Leserschaft, gerade nicht tun; er habe die Darstellung eigener Gedanken «bewusst vermieden», die Tugend der begrifflichen Schlichtheit und klaren Darstellung habe er vor jene der Originalität gestellt. Nun, das ist ihm mit Ausnahme der Klarheit der Darstellung fast zu gut gelungen. Man kann Vermutungen darüber anstellen, was den Autor an der Theologie so fasziniert, dem Buch wird man es nicht entnehmen können. Und mit der Schlichtheit des Begrifflichen hat er es entschieden zu weit getrieben: «Man kann die Entwicklung der Trinitätslehre am besten so verstehen, dass sie sich organisch (!) im Zuge der Entfaltung der Christologie ergab. Zunehmend (!) wurde deutlich, dass ein Konsens (!) darüber bestand (!), dass Jesus wesenseins (homoousios) mit Gott war, nicht nur wesensähnlich (homoiousios) .»
Wer auch nur ein wenig über die Gemengelage von Volksfrömmigkeit und Spekulation, von theologisch Zentralem und persönlicher Ranküne, von ernsthafter Dogmatik und zwielichtiger Religionspolitik im Umfeld des Nicänums weiss, der wird mit einem so harmonistischen und nebulösen Sätzlein nicht befriedigt und belehrt von dannen ziehen. Es wurde um Begriffe gestritten, weil es um etwas ging; und dass mit problematischen Mitteln gestritten wurde, das gehört zur Einführung und Aufklärung auch von Anfängern dazu.
Nun kann man diesem 600seitigen Buch des eindrücklich belesenen Autors sicherlich vieles an richtigen Informationen entnehmen. Ein erster Teil gibt auf 80 Seiten einen Abriss über die Epochen, Themen und Personen christlicher Theologie, ein zweiter, im Umfang etwa gleicher Teil informiert über «Quellen und Methoden», während der seitenstärkste dritte Teil faktisch eine komplette deskriptive Dogmatik gibt. Von der Gotteslehre über die Trinität zur Christologie, von der Anthropologie und Soteriologie zur Prädestinationslehre, und von da aus zur Ekklesiologie und Sakramentenlehre eilend, streift der Autor auch die aktuelle Thematik «Christentum und Weltreligionen» und entlässt seine Leserschar schliesslich mit der Eschatologie im existentiellen und kollektiven Terminal.
«Vorurteilsfrei»
Dieser «vorurteilsfreie Führer für die gesamte Disziplin der Theologie» (so das Klappentextprädikat eines Oxforder Kollegen) ist, wenn auch nicht immer erfolgreich, um Objektivität bemüht; es wird alles genannt und behandelt, was dem Autor nennens- und behandelnswert erscheint. Wie der liebe Gott es über Gute wie Böse regnen lässt, so geht es etwa im Kapitel «Eschatologie» vom Neuen Testament, wo der Autor die sichere Mittellinie des «jetzt schon und noch nicht» fährt, über Augustins eschatologische Geschichte der zwei civitates, dessen «Schema jedoch seine späteren Interpreten nicht zufriedenstellen konnte», zur «ausgesprochen rationalistischen Atmosphäre der Aufklärung». Ihr ist der Autor sichtlich nicht gut gesonnen, hat sie doch kein Verständnis für «den Gedanken der Hölle»; ebenso berichtet er mit spürbarem Unbehagen über die Ethisierung der «Reich Gottes»-Vorstellung in der Liberalen Theologie des 19. Jahrhunderts. Sie sei «weitgehend diskreditiert» durch Johannes Weiss' und Albert Schweitzers Entdeckung der Apokalyptik, von der McGrath im neutestamentlichen Teil noch nichts wusste; vor allem aber sei sie diskreditiert durch die Katastrophen dieses Jahrhunderts, die «insgesamt Zweifel über die Glaubwürdigkeit der Vision der liberal-humanistischen Formen des Christentums aufgeworfen» hätten.
Das ist fix. So sind wir nun bereit, uns vorurteilslos über verschiedene Meinungen hinsichtlich der Hölle, auch kritische «obgleich man diesen Einwänden begegnen könnte» (was nicht geschieht) , des Fegefeuers und des Himmels unterrichten zu lassen; bereit auch, mit dem Autor über das Novum einer «bedingten Unsterblichkeit» des Evangelikalen Hughes wie auch über den «Ansatz» des Origenes-Kritikers Methodius zu sinnieren, der «den Akzent auf der physischen Realität der künftigen Auferstehung beibehielt und zwar auf der Basis der Analogie zum Einschmelzen und Neugiessen einer metallenen Statue»!
Deutlich dürfte sein: Es handelt sich bei diesem Buch nicht um ein Werk der historischen Gattung, das theologische Themen in ihrer Entstehung und Entwicklung, etwa ideen- oder problem- und vielleicht auch sozialgeschichtlich, untersucht. Sondern eher um «historia» in dem Sinne, den das Wort vor 1750 hatte, einer Aufzählung eben, was es so alles gibt. Es handelt sich somit aber auch nicht um ein Werk der Systematischen Theologie, das hermeneutisch die Grundstrukturen und Themen der Theologie für heutige Leserinnen und Leser zur Sprache zu bringen versuchte. Was herausgekommen ist, kann nicht gut anders denn als eine Dabeisteher-Theologie-Historia bezeichnet werden; und McGraths Wunsch, Anfängern eine Einführung in dieses «faszinierende» Gelände zu geben, dürfte sich um ein Wortspiel des angerufenen Karl Barth aufzunehmen als eine Ausführung Unberufener und leider auch Berufener erweisen.
Niklaus Peter
Das Buch erläutert die Grundlagen der christlichen Theologie von ihren Anfängen bis zur Gegenwart.
Teil 1 des Buches ist der historischen Entwicklung der christlichen Theologie gewidmet, d.h. wichtigen und entscheidenden Ereignissen, Debatten und Personen von der Patristik bis zur Gegenwart.
Teil 2 führt in die zentralen Quellen, Methoden und Voraussetzungen der christlichen Theologie ein und erläutert ihre Funktion und Bedeutung innerhalb der theologischen Diskussion.
Teil 3 analysiert und erklärt die Hauptthemen und wesentlichen Glaubensinhalte.Alister McGrath ist Dekan des theologischen Seminars Wycliffe Hall an der Oxford University, wo er auch Geschichte der Theologie lehrt. Er studierte an den Universitäten von Oxford und Cambridge und war längere Zeit anglikanischer Pfarrer in Nottingham, ehe er als Professor an die Universität zurückkehrte.