Die Dichterin und Studentin Lin Ying überlebt zu Beginn des Buchs das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens im Sommer 1989 und findet, als sie traumatisiert bei ihrem Freund Zuflucht sucht, ihn im Bett mit einer anderen. Bei ihrem Versuch, mit den Geschehnissen fertig zu werden, lehnt sie sich in der Folgezeit mehr und mehr gegen bestehende einengende offizielle Regeln und ungeschriebene Gesetze auf.
Mit Hilfe von Stilmitteln der Poesie, aber auch harscher moderner Sprache zeichnet Hong Ying die Wochen nach den Studentenprotesten nach. Eine Zeit, die sie zugleich als repressiv und befreiend charakterisiert. Das Militär und die Schergen der Partei versuchen das Volk durch Verbreitung von Angst und schärfster schikanierender Kontrolle in der Parteilinie zu halten. In dieser Atmosphäre, um ihre toten Freunde trauernd, gibt es innerhalb von Pekings intellektueller Szene Ansätze die im Großen niedergeschlagene und somit gescheiterte Revolte im Kleinen weiter zu führen. Insbesondere die Frauen geben sich nicht mit den ihnen zugewiesenen Rollen ab, sondern rebellieren gegen alltäglich einzwängende Regeln. Die Reaktionen der Männer auf das Massaker bestehen überwiegend aus Lähmung, Flucht oder der resigniert sinnfreien Schaffung von Kunst innerhalb der erlaubten Möglichkeiten. Lin Ying überschreitet das Erlaubte und ist dabei an der Schaffung von Neuem beteiligt.
Ich kann dieses Buch nur empfehlen, gibt es einen Einblick in das Lebensgefühl der chinesischen Intellektuellen nach den Protesten. Feinfühlig läßt die Autorin uns an der persönlichen Entwicklung der Protagonistin teilhaben und zieht uns in einen Sog des Auftauchens aus einer Art Schlaf, aus einem Trancezustand. Die Geschichte erinnert in diesem Aspekt an Magaret Atwoods Buch "Surfacing". In "Der chinesische Sommer" handeln jedoch alle Figuren innerhalb ständiger Gefahr für ihre körperliche Freiheit und ihr Leben. Dennoch lehnt Lin Ying sich auf, entwickelt ein neues Selbstbewusstsein und ein starkes Bedürfnis nach individueller Freiheit.