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Dies ist das Buch einer Frau, das von Frauenschicksalen über mehrere Generationen hinweg, erzählt. Die Beschreibungen von Charakteren und Persönlichkeiten werden sensibel und glaubhaft von Margaret Atwood entwickelt, ausgeformt und abgerundet. Der Inhalt des Buches hat wider Erwarten siebenhundert Seiten lang mein Interesse wachhalten können und mein credo „ alles über vierhundert Seiten ist unhöflicher Narzißmus des Dichters dem Lesenden gegenüber" in diesem Fall unwirksam werden lassen. Was also hat mich an dem Buch fasziniert ?
Zuerst einmal der Schreibstil der Atwood.
Klar und subtil beschreibt sie Charaktere, Umwelten, Realitäten und Träumereien. Sie kann sich blendend in Menschen und deren Schicksale hineinversetzen und hat einen akribisch sezierenden Hang Dingen bis auf den Grund zu kommen.
Weiters hat sie die Kraft, auch lange Geschichten zu Ende erzählen zu können. In analytischer Art entflechtet sie das Erzählte und rundet es ab. Kaum etwas bleibt offen und fraglich, das 700 Seiten Puzzle wird unausweichlich der grausamen Synthese zugeführt. Diese Synthese - das Ende - jedoch ist nicht befriedigend oder macht Genugtuung, sondern ist bitter und zerstörerisch. Die Frauen in ihrer Geschichte zerschellen am eigenen Schicksal, sind mehr die Leidenden, als die, die erfolgreich Schweres meistern und aktiv ihr Leben konstruktiv zu gestalten versuchen.
Ein interessantes Stildetail auch die kurzen,eingeschobenen Pressemeldungen, die die beschrieben Kleinstadtwelt blendend widerspiegeln und mich an Inselgazetten von Mauritius oder Hawai erinnern.
Dann die Charaktere und Schicksale der Frauen in dieser Mehrgenerationen- geschichte von Großmutter Adelia bis Ururenkelin Sabrina:
Die Großmutter Adelia bleibt eine einzige unfaßbare Legende, nur greifbar über Porzellan, Glasfenster, Mobiliar und Kochbücher. Sie scheint nur dann leben zu können, wenn sie von außen Anerkennung bekommt. Dafür setzt sie ihre Kraft ein, vergeudet sie und stirbt schließlich an einer unaussprechlichen Frauenkrankheit.
Die Mutter - wie war doch ihr Name ? - ist eher blaß, willensschwach, wenig realitätsnah und selten handfest. Sie stirbt an den fleischlichen Begierden ihres Mannes im Zuge einer Fehlgeburt. Sie erleidet ein typisches Frauenschicksal in Kriegszeiten. Aus dem Krieg kehrt ein anderer Mensch zurück als der, den sie jung geheiratetet hat. Sie flüchtet sich enttäuscht in Religion und Wohltätigkeit.
Iris - die Enkelin Adelias -, erlebt als kleines Mädchen noch eine halbwegs versorgende Mutter. Allerdings hat sie in ihrer frühen Kindheit keinen real anwesenden Vater. Es gibt nur die Fantasie eines strahlenden Helden und Siegers. Was sie dann weiter erlebt ist das Gegenteil davon. Der aus dem Krieg Zurückgekehrte ist ein gebrochener Verlierer und monströsen Krüppelvater, der durch sein „Nicht kontrollieren können" das kleine Kind verschreckt. Er ist nicht liebevoll und kümmert sich nicht voll Stolz um seine Tochter. Er ist viel zu sehr vom Krieg traumatisiert und nicht in der Lage seinem weiblichen Kind Wertschätzung entgegenzubringen. Er fühlt sich abgewertet und gibt dieses Gefühl seinen Töchtern weiter. Er scheint Frauen auch zu fürchten und so erlebt Iris auch kein Elternpaar das miteinander kommunizieren kann. Iris möchte ihm die liebe, folgsame und pflegeleichte Tochter sein. Sie versucht über Angepaßtheit dem Desaster zu entkommen, scheitert letztlich an dieser Angepaßtheit, die zur Realitätsferne verkommt und an ihrer zerstörerischen Persönlichkeit.
Laura , die jüngere Schwester von Iris ist von Anfang an ein belastetes Kind. Sie hat eine depressive Mutter, die ihr keine Zuwendung bieten kann und einen enttäuschten Vater, der einen Sohn hätte haben wollen. So geht sie in eine Traumwelt, wo nur ihre Realitäten gelten und diese sind ganz klar und lauten: keine wirkliche Anpassung, nur die eigenen Bedürfnisse zählen und werden von ihr starr, bis zur Selbstzerfleischung verfolgt. Laura möchte durch Protest und Außergewöhnlichkeit Aufmerksamkeit erringen. Ihr Suizid ist ein Zeichen dafür, daß sie selbstständig und für sich in der wirklichen Welt nicht existieren kann. Sie katapultiert sich an diesen Ort zurück, wo sie Verschmelzung und Einheit mit Alex Thomas erfahren hat. Sie vereinigt sich symbolisch mit dem im Krieg Gefallenen. Auch sie fällt - im wahrsten Sinne des Wortes - von der Brücke und ist „unter der Brücke" mit ihm nun wiederum vereint. Damit bringt die Autorin in feiner, aber deutlicher Art den persönlichen Verfall von Laura und auch den Abstieg ihrer Familie zum Ausdruck und schließt so den Kreis.
In einer Welt der Morbidität und Realitätsferne versuchen die beiden Schwestern zu überleben, was ihnen rein äußerlich auch eine Zeit lang gelingt. Allerdings sind sie nicht in der Lage, über ihre echten und wirklichen Wünsche miteinander Austausch zu pflegen. Sie sprechen in einer Geheimsprache um sich dem Wirklichen zu entziehen und bleiben sich dadurch fern. Deshalb können sie sich nicht wirklich weiter entwickeln und werden keine wirklichen Partnerinnen, die sich aufeinander verlassen und einander in den realen Wirrnissen, Schwierigkeiten und Rivalitäten des Lebens vertrauen können. Zuviel Neid, Eifersucht und Groll verhindert eine tragfähige Beziehung miteinander, die in der erzählten Geschichte oft möglich gewesen wäre. Als Andere, Dritte in dieses fragile Beziehungsgeflecht einbrechen - nämlich Alex Thomas, Richard und Winifred - kann es dieser realen konflikthaften Belastung nicht standhalten. Die Beziehung wird noch mehr eine äußere Fassade, ein „als ob" das zerstörerisch wird. Es entsteht ein perverses Miteinander, das schließlich im Chaos endet.
Winifred, die um einiges ältere Schwägerin von Iris wiederum scheint sich nie von ihrem Bruder Richard getrennt zu haben und führt mit ihm eine enge geschwisterliche Beziehung, die massiv inzestuös getönt ist. Dadurch sucht und findet sie keinen realen Lebenspartner. Was sie möchte ist das Kind des Bruders um mit ihm weiter in dieser Beziehung zu bleiben. Sie versucht machtgierig Einfluß und Wohlstand zu erringen und erhalten und kämpft beinhart dafür.
Auch die Tochter von Iris, Aimee setzt diese Wohlstandsverwahrlosung und Destruktion fort. Aimee konnte von ihrer Mutter in deren damaligen Gefühlszustand nicht emotional versorgt werden. Sie sucht in der Sucht das Ersatzobjekt Mutter, die letzendlich aber tötlich ist.
Die Enkeltochter von Iris, Sabrina flüchtet sich in die reale Distanzierung und hat dadurch vielleicht eine echte Chance.
Das einzig gute Objekt in dieser kalten Leere ist die Hausbedienstete Reenie, die versucht den beiden Schwestern Iris und Laura die Mutter zu ersetzen, jedoch durch ihre soziale Stellung begrenzt ist. Sie führt fast eine Art Sklavendasein; ist immer anwesend und wird nie gelobt. Als sie nicht mehr gebraucht wird, wird sie vor die Türe gesetzt. Sie bleibt dem realen Leben verhaftet und kann es nach ihren Wünschen etwas gestalten. Sie erinnert mich ein bißchen an eine schwarze Sklavin.
Es finden sich noch andere Frauengestalten in dem Roman: Die Hauslehrerin, die wie eine Art Neutrum - Schattenwesen aus vergangenen Zeit, auftaucht und wieder ins Unbekannte verschwindet und damit besonders das Alte und Abhängige verkörpert. Die Geliebte des Vaters von Iris und Laura , Callie ist das Gegenteil davon. Sie ist relativ selbstständig, in die Zukunft schauend und sexuell aktiv. Sie kann sich mit Situationen real auseinandersetzen, meistert ihr Leben und kann sich anpassen ohne sich damit aufzugeben.
Das einzig Unaufgelöste ist für mich der Titel des Buches. Warum heißt es „Der blinde Mörder"? Warum hat dieses Buch, daß in so feiner Form die Geschichte von Generationen von Frauen erzählt einen Titel, in dem das Männliche im Mittelpunkt steht? Können Frauen wirklich nur von Männern aus ihrer Opferrolle befreit werden ? Ich hätte in den Titel etwas Weibliches hineingenommen.
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