Margaret Atwood ist eine meiner absoluten Lieblingsautorinnen und auch mit diesem Werk hat sie meine (hohe) Erwartungshaltung an ihre Bücher erfüllt.
The Blind Assassin ist eine dunkle Familiengeschichte, die zwar in den ersten 100 Seiten zäh vorankommt, sich danach aber so facettenreich entfaltet, dass ich dieses Buch kaum mehr weglegen konnte.
Zuerst fiel mir die Verstrickung von beinahe 4!, zunächst unzusammenhängenden, parallelen Erzählsträngen schwer, doch nachdem ich erkannte, dass sie alle ineinander verwickelt sind und im Prinzip als Hintergrund die selbe Story (nämlich die Familientragödie der Haupterzählerin Iris) gemeinsam haben, war ich von dieser Erzähltechnik begeistert. Ausserdem steigern sich alle 4 Stränge parallel in der Spannung, was die Nächte länger werden liess :-).
Interessant fand ich auch die Zeitungsartikeln, die von Margaret Atwood elegant eingebracht werden. Sie verraten immer schon im voraus, was passiert. Nach und nach findet man dann heraus, warum es zu diesen Ereignissen gekommen ist.
Gefallen hat mir übrigens auch die kühle, pragmatische Erzählart von Iris, der Haupterzählerin, die sich im understatement übt, obwohl alles rund um sie zusammenbricht. Am Anfang traut man Iris deshalb auch nicht tiefergehende Gefühle zu, doch - Stille Wasser sind tief - sie ist von Schuldgefühlen geplagt und es steckt weit mehr hinter ihrem Charakter als man ursprünglich annehmen könnte. Trotz aller Tragik wird nie auf die Tränendrüse gedrückt, denn Iris behält ihren kühlen Erzählstil bis zum Schluss bei.
Margaret Atwood hat die Macht, wunderschöne Sätze zu konstruieren, die ich einfach aus Genuss nochmals gelesen habe. Abschliessend kann ich nur noch sagen, dass ich bereits "The Robber Bride", "A Handmaid's Tale" und "The Edible Woman" verschlungen habe, und dass jetzt "Alias Grace" dran ist. Ach ja, noch was: Margaret hat sich den Booker Prize wirklich verdient!