Marthe Brandt führt dem Anschein nach ein glückliches Leben: Ihr Ehemann Paul liebt sie sehr, der gemeinsame Sohn Max ist erwachsen, finanzielle Schwierigkeiten gibt es keine. Doch etwas nagt an der Frau: Die nie verarbeitete Erfahrung einer Totgeburt, denn Sohn Max hatte einen Zwillingsbruder. - Autorin Brigitte Blobel schreibt unglaublich eindringlich und mit viel norddeutschem Lokalkolorit. "Der andere Sohn" nimmt einen dramatischen Verlauf, denn Marthe Brandt glaubt, ihrem verstorbenen Sohn Moritz begegnet zu sein ...
Brigitte Blobels Erzählweise ist durch die Kürze der Sätze sehr eindringlich und sensibel. Sie nimmt eine objektiv beobachtende Perspektive ein, von der aus alle Positionen beleuchtet werden, die innerhalb des Gefüges aus unterdrückten Emotionen, enttäuschten Erwartungen und nicht rückgängig zu machender Zeit entstehen. Schleichend durchzieht die nicht vermeidbare Katastrophe den gesamten Handlungsverlauf. Die Liebe in ihren verschiedenen Weisen, auch in ihren Abarten, und das Unverständnis einer Gesellschaft gegenüber kleinsten Abweichungen von der Norm sind das Thema dieses psychologischen Romans, der durch seine Subtilität besticht. Beim Lesen von Brigitte Blobels Roman verliert man sich immer wieder in dem Zwiespalt, ob man die Seite der wirklichkeitsfremden Marthe, mit der man gemeinsam die Tragik des vergangenen Verlustes durchleidet, oder der wirklichkeitsnäheren Figuren ergreifen soll - in beiden Fällen liest man gierig eine Seite um die andere.