"Der achte Schöpfungstag" von Thornton Wilder ist vielschichtig. Natürlich kann man diesen Roman als Krimi lesen: John Ashley steht 1902 in Coaltown vor Gericht. Er wird für schuldig befunden, Breckenridge Lansing ermordet zu haben und zum Tode verurteilt. Bereits auf der ersten Seite ist aber klar, dass er nicht der Mörder war; und dieser wird auf den letzten Seiten des Romans offenbart. So trivial ist dieses 1967 in den USA erschienene Werk des damals 70-jährigen Autors natürlich nicht.
Der Roman entfaltet das Panorama US-amerikanischer Klein- und Großstädte, mit ihrer Provinzialität im Denken und Handeln einerseits und der Großzügigkeit der Schmelztiegel andererseits. Da John Ashley auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte von Unbekannten befreit wurde und flüchtet, lernen wir auch ein kleines Bisschen von Südamerika kennen, die Arbeit in den Bergwerken Chiles einschließlich des hemmungslosen Zugriffs der USA in finanzieller und juristischer Weise auf diesen Raum. Außerdem gibt es viele Rückblenden in die Vergangenheit, durch mehrere Generationen zweier amerikanischer Familien, und Ausblicke in eine mögliche Zukunft, eben auf den achten Schöpfungstag. Denn der Autor läßt eine seiner Figuren sagen, die Schöpfung sei noch immer nicht abgeschlossen. So ist das Buch auch ein Nachdenken darüber, wie es Familien gelingen kann, Menschen mit außerordentlicher Begabung hervorzubringen - oder gar einen Messias. Denn einer der Freidenker des Romans vertritt die Auffassung, dass es nicht nur einen Messias gab, dass bei anderen nur versäumt wurde, ihre Geschichte in Gestalt einer Bibel aufzuschreiben. Und dass es möglich wäre, dass es nicht nur schon mehrmals einen Messias gab, sondern dass auch in Zukunft immer wieder einer kommen könne.
Es ist vor allem die humorvolle Art der Darstellung des menschlichen Zusammenlebens und der verschienenen Religionen bzw. der Religiosität des einzelnen Menschen, was das Lesen zu einem Genuss macht:
Der Autor macht sich über die Absurdität lustig, dass Christen einander nicht heiraten können/sollen/dürfen, nur weil sie verschiedenen Richtungen des gleichen Glaubens angehören, wie beispielsweise Katholiken und Protestanten. Doch am besten gefallen mir die in Dialoge verpackten Diskussionen über verschiedene Religionen inclusive der Freidenker. Beispielsweise eröffnet der Autor ein Gespräch über die Griechen mit der Frage: "Warum hatten sie so viele Götter?", und beantwortet sie in einem ersten Schritt damit, dass sie bei ihren Eroberungen unter ihren eigenen Göttern Platz für die Fremden machten. "Oder sie verquickten eine solche Gottheit mit einer ihrer eigenen. Reine Gastfreundschaft!" Und dann entwickelt er den Gedanken: "Die zwölf Gottheiten stellen zwölf verschiedene Typen von Menschen dar. Die Griechen betrachteten sich selbst. Sie betrachteten Sie und mich. Sie betrachteten ihre Frauen und Mütter und Tanten. Sie machten Götter aus den verschiedenen Typen der menschlichen Persönlichkeit. Sie stellten sich selbst auf den Altar. Sehen Sie sich ihre Göttinnen an - Mutter und Hüterin des Herds; Geliebte; Jungfrau; Hexe aus der Hölle; Hüterin der Zivilisation und Freundin des Menschen -" Schließlich gipfelt dieser Dialog in der Frage: "Welchem der Götter geraten Sie nach?" Und während dem einen selbstverständlich erscheint, dass er Hephaistos, der Schmied, ist, folgt eine lange Diskussion über die Eigenschaften der Götter, gepaart mit der Überlegung, ob sie auf den anderen Gesprächspartner zutreffen könnten.
Thornton Wilder konfrontiert unterschiedliche Charaktere, über den vermeintlichen Mörder John Ashley sagt er: "Er fiel sozusagen durch einen Mangel an auffälligen Eigenschaften auf." Der Ermordete Breckenridge Lansing aber "war groß und breitschultrig und blond. Mit jovialer Freundschaftlichkeit zerbrach sein Händedruck jedermann fast die Finger... Er liebte Rituale: Tränen kamen ihm leicht in die Augen - männliche Tränen; er schämte sich ihrer nicht, wenn er zum hundertstenmal gelobte, 'den Brüdern Freundschaft bis in den Tod zu halten' und 'tugendhaft in Gott zu wandeln und bereit zu sein, sein Leben für sein Land hinzugeben'. Es sind wahrhaftig solche Gelübde, die dem Leben eines Mannes Sinn verleihen! Er hatte seine kleinen Schwächen. Er verbrachte so manchen Abend in jenen Lokalen draußen in der River Road und kam erst im Morgengrauen heim. Das war nicht das Benehmen eines exemplarischen Familienvaters..." Außerdem taugte er als Betriebsleiter der Gruben nichts und hatte in der Erziehung zweier seiner drei Kinder versagt.
Nachdem Vater Ashley auf dem Weg zur Hinrichtung befreit worden und geflüchtet war, geht seine Frau nicht mehr aus dem Haus und versucht, ihre Kinder vor dem Volkszorn in der Kleinstadt zu schützen: "Sophia und Constance gingen nicht wieder zur Schule. Ein paar Erwachsene nickten Sophia auf der Straße zu, aber die Knaben versuchten noch immer, ihr ein Bein zustellen, und die jüngeren Mädchen waren es noch immer nicht müde geworden, so zu tun, als würde Sophia, wie ihr schlimmer Vater, sie alle totschießen. Sie drängten sich dicht um sie, und dann, gleich tödlich erschrockenen Tauben, stoben sie nach allen Seiten auseinander. Und da beklagen sich, wie man hören kann, Eltern darüber, daß ihre Kinder ihrem Beispiel nicht folgen!"
Es ist diese feine Ironie, mit der Thornton Wilder seine Mitmenschen entlarvt, die mich schmunzeln ließ und die mir die Lektüre zu einem hohen Genuss machte.
Lediglich einen Kritikpunkt habe ich: Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle dargestellten Ideen, vor allem die, in denen es um innere Unabhängigkeit und die Freizügigkeit, ohne Trauschein zusammenzuleben geht, wirklich dem Zeitgeist der Jahre 1880 bis 1905 entsprechen. Mir kommen sie eher so vor, als wenn sie aus den 1960er Jahren stammen, eben aus der Zeit, in der dieser Roman entstand, aber nicht aus der Zeit, in der er spielt.