Mit seinem Roman hat der chinesische Autor Jiang Rong dem Totemtier der untergehenden Nomadenkultur der Mongolen ein Denkmal gesetzt. Voller Hoffnung, dass er seinem Volk das Streben nach Freiheit näher bringen könnte, welches er selbst in seinen Jahren in der inneren Mongolei erlebt und gelebt hatte, erzählt das Epos von den wichtigen Zusammenhängen zwischen Mensch und Tier und dem Gleichgewicht des sensiblen Ökosystems, dessen mutwillige Zerstörung weitreichende Folgen für die Umwelt hat. So liegt über der lebendigen Erzählung ein Schleier der Nostalgie, denn das üppige Grasland mit seinen Weiten existiert nur Jahrzehnte nach den Erlebnissen des jungen Chinesen in den 1970er Jahren nicht mehr. Die Wölfe, die von den Mongolen als Bewahrer des Weidelandes über Jahrhunderte geachtet wurden und als wichtige Lehrmeister der Kriegstechnik funktioniert haben, wurden ausgerottet. Doch der Autor ist sich sicher, dass das Wolf durch sein Werk zu einem neuen Totem geworden ist und Gedanken wie Mut, Freiheit und Unabhängigkeit in den Herzen der Leser erweckt.
Als der junge Chinese Chen Zhen in die innere Mongolei versetzt wird, um dort als Schafzüchter zu arbeiten, erwarten ihn große Herausforderungen. Er hat das große Glück bei dem alten Bilgee wohnen zu dürfen, dessen Name in der mongolischen Sprache so viel wie tiefe Weisheit bedeutet. Der weise Mann ist bereit, die Wissbegier seines Gastes zu befriedigen und ihm so viel wie möglich über die so fremde Kultur beizubringen. Dabei vergleicht er die Mentalität der Han-Chinesen, die einen Hauptteil der Bevölkerung Chinas ausmachen, mit den Schafen, die weder Freiheitsdrang noch Mut besitzen. Der Mongole dagegen ist in seinem Herzen dem gefährlichsten Tier nahe, welches im Grasland lebt, dem Wolf. Nachdem Chen Zhen seine erste persönliche Erfahrung mit den wilden Raubtieren gemacht hat, bei der er all sein neues Wissen anwandte, möchte er alles über die rätselhaften, undurchschaubaren und faszinierenden Lebewesen der Steppe lernen. Bilgee weiht ihn behutsam in das Geheimnis zwischen der engen Verbindung der Menschen der Grasebene zu den Wölfen ein. Zum Glück ahnt der alte Mann nicht, dass Chens Vernarrtheit so weit geht, dass er selbst gerne einen Wolfsjungen genommen und eigenhändig aufziehen möchte, um die Gewohnheiten des Wildtieres noch genauer zu studieren. Und tatsächlich gelingt es Chen Zhen mithilfe einiger neuen Freunde schließlich einen Wolfsbau aufzuspüren und die kleinen Wölfe zu entführen. Die Hunde sind wenig begeistert über den Neuankömmling, der bei ihnen aufwachsen soll, und auch die menschlichen Bewohner des Bulags begegnen dem wahnwitzigen Vorhaben des chinesischen Studenten mit Argwohn und Ablehnung. Bilgee ist entsetzt über Chen Zhens Plan, einen Wolf wie ein Haustier zu halten, was er als schweren Verstoß gegen die göttliche Ordnung der Natur ansieht. Dennoch scheint es der Schutzgott Tengger gut mit dem Wolfszögling zu meinen, denn Chen hat immer genug Fleisch, um das kleine Raubtier satt zu bekommen. Doch die Verwandten seines Schützlings werden immer stärker bedroht. Der Jäger wird selbst zum Gejagten, denn das chinesische Feindbild des Wolfes wird zur unmittelbaren Bedrohung der stolzen Raubtiere. Berichte aus dem Grasland über den nächtlichen Angriff auf eine Pferdeherde, bei dem alle Tiere, trotz der Bemühungen der Hirten, ein schreckliches Ende fanden, haben die Oberleitung des Bezirks bereits sehr beunruhigt. Die chinesischen Behörden unterstellen den mongolischen Züchtern, den Wolf übermäßig zu schonen und zu schützen. Der Gedanke, dass der Wolf den Einwohnern des Graslandes dabei hilft, das fragile Gleichgewicht der Natur zu bewahren, ist ihnen völlig fremd. Durch die Gefährdung des Wolfes ist auch die Kultur des Nomadenvolkes der Mongolen bedroht. Dieser Bedrohung muss Chen Zhen ohnmächtig entgegensehen, während er selbst immer faszinierter von den Verhaltensweisen des Wolfes ist, die er sorgfältig studiert. Dabei stößt er bei seinem Experiment, den freiheitsliebenden Wolf eigenhändig aufzuziehen, bald an seine Grenzen. Seine Erfahrungen jedoch trägt er gewissenhaft in seine Notizbücher ein, die eines Tages die Grundlage eines beeindruckenden Zeugnisses sein sollten, welches von den wichtigen Charaktereigenschaften der Wölfe Kunde gibt, die sich einst die kriegstüchtigen Mongolen anzueignen pflegten: Freiheit, Unabhängigkeit, Konkurrenzgeist, Zähigkeit und Teamfähigkeit.
Sechs Jahre lang hat der Autor an diesem Roman gearbeitet, in dem soviel Herzblut steckt. Die meisten Leser erhalten einen Einblick in eine für sie völlig fremde Welt und Kultur. Allerdings will das Werk viel mehr sein, als ein authentischer Erfahrungsbericht. Für seine Landsleute hat Lu Jiamin, der unter dem Pseudonym Jiang Rong, eine große Leserschaft erreichte, eine wichtige Botschaft, welche gesellschaftspolitische Veränderungen anstoßen sollte. Der Erfolg seines Romans, der in China offiziell mehr als 2,6 Millionen mal verkauft wurde und wahrscheinlich mit ca. 20 Millionen Raubkopien weitere Verbreitung fand, ist tatsächlich beeindruckend, wird diese hohe Anzahl verbreiteter Exemplare im Inland doch nur durch die legendäre Mao-Bibel getopt. Der Freiheitsgeist des Wolfes soll jedoch nicht nur die Menschen im eigenen Land beeindrucken, sondern auch seine Wirkung global entfalten. Mit Blick nach vorne, sagt der Autor: "In Zukunft werden unsere größten Kämpfe nicht zwischen Ländern oder Völkern ausgetragen, sondern gegen die Umweltzerstörung führen. Naturkatastrophen werden die Länder zur Zusammenarbeit zwingen. Es versetzte mich in Schrecken zu erleben, wie ein Ökosystem, das seit Jahrtausenden bestand, in nur einem Jahrzehnt zu Staub zerfiel. Mein Buch ist eine Lektion für die Welt."