Dieses Buch hat der Autor allen Menschen gewidmet, die an jenem Tag in den Zirkus gingen - denen, die wieder nach Hause kamen, und denen, die dort blieben.
6. Juli 1944, Hartford, Connecticut, USA. Ein schwüler Sommertag. Wie anderswo in Amerika auch, bekommen die Menschen die weitreichenden Erschütterungen des Krieges zu spüren. D-Day liegt genau einen Monat zurück, viele Menschen machen sich Sorgen um ihre Angehörigen, die als Soldaten im geografisch fernen und emotional doch so nahen Europa kämpfen. Man greift zur Zeitung, hört Radio. Erst das kommende Jahrzehnt wird die Ära des Fernsehens einläuten. Noch geht man in Scharen ins Kino um sich zu zerstreuen, oder aber, wenn möglich, in den Zirkus. Und seit gestern gastiert einer der ganz großen in der Stadt, deren gewachsene Bevölkerung durch die Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie sprunghaft angestiegen ist. Entlang der Barbour Street stehen die Zelte, von denen die amerikanischen Flaggen patriotisch im Wind wehen. Der Ringling Bros and Barnum & Bailey Circus ist stolz auf sein großes Vorführzelt, in dem zwei Bühnen, drei Raubtierkäfige und rund 9.000 Besucher gleichzeitig Platz finden können. Seit am Tag zuvor der Zirkuszug in die Stadt einfuhr, herrscht fröhliche Aufregung in Hartford. Arbeitende Elefanten, Raubtierkäfige, verwegen aussehende Zirkusleute und ein Wald von Holzstangen, die die Zelte tragen sollen, sorgen bereits vor der ersten Aufführung für Aufregung und Ablenkung. Zur ersten Nachmittagsvorstellung am 6. Juli ist der Zirkus gut besucht. Überwiegend Frauen und Kinder sind es, aber auch Großeltern, die sich Zeit nehmen können und zum Zirkusgelände strömen. Durch Buden, die Hotdogs, Zuckerwatte, Popcorn, Spielereien und - wie könnte es fehlen! - Coca-Cola anbieten, wird die sommerlich gekleidete Schar zum Hauptzelt dirigiert. Vorher wirft man vielleicht noch einen wohlig gruseligen Blick ins Abnormitätenkabinett und bewundert die exotischen Tiere...
Bevor es zur Katastrophe kommt, hält Stewart O'Nan in diesem literarischen Sachbuch (kein Roman, keine aus dem Ruder gelaufene Reportage) das Leben der Menschen in einer verschwundenen Welt fest. Eine Zeit, in der die Menschen noch nicht durch unendlichen Spaß und ständig verfügbaren Ablenkungen abgeklärt waren, noch weit davon entfernt, eine "Spaßgesellschaft" zu bilden. Ein großer Zirkus war wirklich eine ganz große Sache, ein großes Unternehmen auch, und O'Nan beschreibt nicht nur dies, sondern zeichnet ganz nebenbei das Gesellschaftsbild einer mittelgroßen amerikanischen Stadt und seiner Bürger; das Zusammenspiel von Behörden und ehrenamtlicher Einrichtungen nur wenige Jahrzehnte vor den wissenschaftlichen, technischen und medialen Kenntnissen und Möglichkeiten der Gegenwart; eine Epoche, die doch schon eine gefühlte Ewigkeit vorbei zu sein scheint, aber nicht ist, denn noch gibt es lebende Zeitzeugen, denen diese Zeit vertraut ist, vielleicht vertrauter als die Gegenwart, weil sie in ihr jung waren. Schon aus diesem Blickwinkel ist das Buch interessant und lesenswert und für Zirkusbegeisterte ist es, trotz des großen Unglücks, das alles Erzählte dominiert, ein "Muss", weil es eben auch und nicht nur am Rande Zirkusgeschichte erzählt.
Zurück zu den Menschen, die inzwischen das große Zelt bevölkern, ihre Plätze einnehmen und freudig darauf warten, spannend unterhalten zu werden. Die Leinwand über ihnen hält zwar die Sonne ab, nicht aber die große Hitze. Auch vor Regen, der an diesem Tag allerdings nicht zu erwarten ist, könnte das luftige Dach schützen: es ist mit Paraffin und Benzin imprägniert, eine Mischung, die absolut feuergefährlich ist. Was viele Menschen aber nicht wissen und wenn sie es täten, so würden sie wahrscheinlich trotzdem nicht glauben, dass diese große Kuppel in nur wenigen Minuten vollständig abfackeln könnte. Und genau das geschieht im Lauf der Vorführung. Diese wenigen, entscheidenden Minuten, die Stewart O'Nan einfühlsam aber quälend genau und ausführlich beschreibt, umfassen die Passagen, die beim Lesen kaum auszuhalten sind. Der Erzählbogen spannt sich von jenen Besuchern, die nahe an einem der Ausgänge sitzen und bei Ausbruch des Feuers einfach, man könnte sagen, pfeifend und mit den Händen in den Hosentaschen, hinausschlendern, bis hin zu den Unglücklichen, die verzweifelt kämpfen und nur allzu oft doch keine Chance haben, dem Inferno zu entgehen. Was folgt, ist die akribische Beschreibung der verzweifelten Rettungs- und Suchaktionen, der hilflosen Löschversuche, der hektischen, zunächst provisorischen Anstrengungen, die Katastrophe logistisch in den Griff zu bekommen, des hartnäckigen Suchens nach der Ursache des Brandes und des oder der Verantwortlichen und nicht zuletzt des in manchen Fällen jahrzehntelang währenden Traumas, das der große Zirkusbrand von Hartford bei vielen Menschen verursacht hat. 167 Menschen kostete er das Leben, über 450 Menschen fügte er zum Teil schwerste Verletzungen zu und verursachte unzähliges Leid. Tiere kamen nicht zu Schaden. Die vielen Fäden, die der Autor auf rund 500 Seiten aufnimmt, fallen lässt und wieder in die Hand nimmt, die Fülle der genannten Namen und Schicksale, die vielen Spuren, die nur allzu oft ins Nichts laufen, mag ungeduldige oder oberflächliche Leser überfordern. Stuart O'Nan ist leise, aber unerbittlich. Das ist er in seinen Romanen, aber erst recht in diesem Sachbuch, das er eigentlich nicht schreiben, sondern nur lesen wollte. Als er feststellte, dass es dieses Buch nicht gab, sammelte er selbst Material und konnte als Schreiber irgendwann dem Sog der Tragödie nicht mehr widerstehen. Er wurde Chronist und nichts Wesentliches durfte weggelassen werden, wenn er auch Einzelschicksale nur bruchstückhaft beschreiben konnte, damit die Geschichte nicht völlig ausuferte. Die Menge der Namen in seiner Danksagung sprechen Bände. Bei einer Person jedoch machte er eine Ausnahme, bei "Little Miss 1565", einem ca. sechsjährigen Opfer des Brandes. Sie wurde von flüchtenden Zirkusbesuchern niedergetrampelt und starb noch in der folgenden Nacht an der Folge ihres Schädelbruchs. Die Flammen hatten sie weitgehend verschont, dennoch wurde sie nie zweifelsfrei identifiziert. Als das Opfer 1565 wurde sie begraben und einer der mit der Aufklärung ihrer Identität betrauten Kriminalbeamten brachte ihr bis an sein Lebensende Blumen ans Grab. Später bekam sie einen Namen und ein anderes Grab. Wer aber war sie wirklich? Sie hat kaum Spuren in ihrem kurzen Leben hinterlassen. Eine junge Frau, die die Geschmacklosigkeit besitzt, sich "Little Miss 1565" zu nennen, geistert heute durch die Untiefen des Internets: Effekthascherei für Substanzloses. Menschen können selbstlos und großartig sein, aber ebenso genau das Gegenteil. Auch davon erzählt "Der Zirkusbrand", und zeigt darüber hinaus neben erklärenden Skizzen etliche historische Aufnahmen, die im Zusammenhang mit dem Unglück stehen. Das Gesicht des kleinen Mädchens mit der Nummer 1565 ist auch dabei und hält die Zahl, jede Zahl, auf Distanz.
Kritische Anmerkung zum Klappentext.
Der Ort heißt Hartford, nicht Hartfort. Stewart O'Nan ist weder in Hartford geboren, noch dort aufgewachsen, man kann also nicht von seiner Heimatstadt sprechen. Allerdings hat er am Trinity College of Hartford unterrichtet und wohnt seit 1995 in Avon, ganz in der Nähe der Stadt. Man sollte sich darauf verlassen dürfen, dass ein renommierter Verlag mit den biografischen Daten seiner Autoren sorgfältiger umgeht.
Helga Kurz
10. Oktober 2009