Die Betriebstemperatur von Wärmekörpern
Dietrich Schwanitz' neuer Roman «Der Zirkel»
Das «Herz der Finsternis» lässt sich geographisch exakt verorten. Es liegt ziemlich genau in der Mitte Afrikas, in Kongo. Joseph Conrad hat zu Zeiten, als man den schwarzen Kontinent noch nicht im Trekking-Anzug erobern konnte, diese Finsternis in eine berühmt gewordene Formulierung gebannt: «Das Grauen, das Grauen!» Seither ist der Titel seines Romans zur Metapher geworden und gehört zu den frei konvertierbaren Währungen an der Börse für negative Anthropologie. Auch Dietrich Schwanitz, dessen erster Roman, «Der Campus», nicht gerade vom Menschenbild eines ökumenischen Studentenpfarrers geprägt war, hat nun mit einem neuen Werk den Kurswert für Niedertracht, Intriganz und Korruption weiter in die Höhe getrieben.
In seinem Roman «Der Zirkel» liegt das «Herz der Finsternis» mitten in Europa. Das rote Fähnchen steckt bei dem Ortsnamen Potsdam im Geviert der Deutschlandkarte. Die Umgebung ist flach und eben. In der politischen Topographie erhebt sich dort allerdings ein Zentralmassiv. Hier hat das «Hirn der Stasi» seinen Sitz gehabt. Von hier führt der Roman in den «Schädel des Sozialismus», in die Kommando-Zentrale des SED-Staats. Schwanitz versteht genug von der Anatomie der Macht, um in der Beschreibung ihrer Institutionen rechtzeitig eine Verschiebung auf metaphorischer Ebene vorzunehmen. Aus Herz ist Hirn geworden, aus dem undurchdringlichen afrikanischen Dschungel der real existierende Terror eines Apparats.
Vagabundierender Donjuanismus
Als Daniel Dentzer, der persönliche Referent des Wissenschaftssenators, nach einer durchzechten Nacht im Bett der Asta-Vorsitzenden Hannah Krakauer mit schwerem Kopf erwacht, da ist er noch ein post-studentischer Springinsfeld, den allenfalls sein «vagabundierender Donjuanismus» in gelegentliche Turbulenzen bringt. Jede Form von Doppelleben will gut organisiert sein. Zumal wenn alle Frauen zu einem potentiellen Wärmekörper verschmelzen, in dessen Abwesenheit beständig der «Kältetod» lauert. Innerlich gefeit und äusserlich gewappnet durch eine Dissertation mit dem Titel «Liebe und Konflikt» kann der promovierte Frauenmann keiner Versuchung widerstehen.
Die Liebe das hat er längst erkannt ist eine Art «Autosuggestion mit Hilfe des anderen». Dabei wird der Partner zum «Komplizen der Selbsthypnose». Nach der «autokatalytischen Eigenentzündung» kommt das erotische Kraftwerk auf Touren. Dann sieht der Liebhaber in den Augen der Geliebten, «dass sie sieht, wie er sie ansieht». Man kann nicht mehr «zwischen Sehen und Beeindrucktwerden» unterscheiden. Das ist die «paradoxe Struktur der Liebeskommunikation». Wer wollte sich ihrer Magie entziehen? Kurz nachdem Daniel Dentzer das Bett der Asta-Vorsitzenden an diesem Morgen zurücklassen musste, wird sie das Opfer eines Attentats. Und auch der Magier hat seine Unschuld verloren.
Was nun beginnt, liest sich wie eine Mischung aus Campus novel, Politthriller und einem Handbuch für Freundschaftskartelle und Gefälligkeitsgemeinschaften. Niemand bläst dem «Ballett der Intrige» die eigene Melodie so süffig ins Ohr wie Schwanitz, keiner inszeniert den Reigen akademischer Mittelmässigkeit so virtuos wie er. Das karrieregeile Gehopse der Gremien-Matadore ist mit einem profunden Basso continuo aus Luhmann-Paraphrasen unterlegt, während Richard Sennetts böses Lied vom «Verfall des öffentlichen Lebens» und von der «Tyrannei der Intimität» den Takt vorgibt. Wenn es um die Macht der Mediokrität und die Seilschaften bornierter Platzhirsche geht, ist Schwanitz bei seinem Generalthema angelangt. Aber auch die weiblichen Herdentiere müssen Haare lassen. Da bleibt keine Frauenbeauftragte ungeschoren.
Als in einem Berufungsverfahren des englischen Seminars eine weibliche Bewerberin «alle Figuren des feministischen Eiskunstlaufs» einschliesslich des «dreifachen Saltos der Dekonstruktion» so vorbildlich absolviert, dass die männlichen Ausschussmitglieder um ihren Favoriten fürchten müssen, da mobilisieren sie durch überbordendes Lob den Argwohn der Frauenbeauftragten, um so die unbequeme Überfliegerin möglichst unverdächtig loszuwerden. Schliesslich will das Kartell der Mittelmässigen, das sich in den siebziger Jahren bei einer «Massentaufe» von Assistenten zu Professoren eigenmächtig konstituiert hat, bei der Bewirtschaftung der Bildungsmisere unter sich bleiben. Denn da gibt es einiges zu verbergen. Nach einer streng geheimgehaltenen Studie liegen die Leistungen deutscher Schüler aus SPD-regierten Bundesländern im internationalen Vergleich an achtzehnter Stelle zwischen Bulgarien und Ägypten, in CDU-Ländern liegt die Quote erheblich besser. Das ist die verschwiegene Schattenseite sozialliberaler Bildungseuphorie.
Hirn der Stasi
Wirklich kriminell und jetzt wechselt Schwanitz ins Agentengenre wird die Situation an den Hochschulen aber, als sich herausstellt, dass die Stasi seit den sechziger Jahren 20 000 sogenannte «Perspektivspione» in den Universitäten der Bundesrepublik angeworben hat, um über eine Nivellierung des Bildungsstandes den Systemvergleich zugunsten der DDR zu entscheiden. Auf der Suche nach einer verschwundenen Doktorarbeit, die einen vermeintlich rechtslastigen Kollegen desavouieren soll, stösst Daniel Dentzer in Potsdam auf die Spuren der Stasi-Connection, deren Ausläufer geradewegs in die Chefetagen des westdeutschen Wissenschaftsbetriebs führen. Als er das Komplott im «Hirn der Stasi» aufdeckt, muss er feststellen, dass die Krake auch nach der Wiedervereinigung noch mehr als lebendig ist und ihn bereits in ihren Fängen hat. Mitgefangen ist die Reporterin Vanessa Steinbrück, deren wohltemperierte Physis ihn in gefährlichen Zeiten vor der Arktis des Alleinseins bewahrt.
Das alles ist rasant erzählt, effektsicher inszeniert und mit einer gehörigen Portion Ironie und Boshaftigkeit garniert. Wenn die Stasi ihr hässliches Haupt erhebt, dann ist es nicht gleich ein Drachen mit sieben Köpfen, sondern ein «Kader mittleren Alters, der sein volles braunes Haar der Disziplin eines breitzinkigen Kammes unterworfen hatte, so dass seine straffen Strähnen so parallel lagen wie die Saatreihen auf der Luftaufnahme einer LPG.» Bei allem Vergnügen an solch gelungenen Vignetten bleibt am Ende doch ein nagendes Unbehagen. Schwanitz ist nämlich dem Ressentiment gegenüber dem universitären Milieu, dessen intimer Kenner er ist, offenbar obsessiv verfallen. So kommt der Roman über lange Strecken deshalb nicht in Fahrt, weil der Autor die nötigen Anschubenergien schon in seinem letzten Buch verbraucht hat. Jetzt zündelt er nochmal an derselben Lunte herum, doch der ganze Laden steht schon lichterloh in Flammen.
Wir befinden uns wieder in einem korrupten Wissenschaftsbetrieb, wo allerlei dubiose Seilschaften ihren «Zirkel» aus Filzokratie, Political correctness und Intrigenwirtschaft gespannt haben. Das bekannte Inventar hat Schwanitz in einer Art Selbstanleihe auf das neue Szenario übertragen und inflationiert sich damit selbst. Sicher, diesmal zieht er den Bogen weiter, doch in der Re-Inszenierung des bekannten Milieus erweist sich die gute Tat als Fluch. Der Autor versucht dem zu entrinnen, indem er im zweiten Teil seines Buchs das Genre wechselt und seine Campus novel zur Agentenstory hochrüstet. Jetzt kriegt die Geschichte Drive, doch die Erblast des Erstlings hängt wie ein Bleigewicht in dem beschleunigten Textkörper. So bleibt die Story am Boden.
Dass der Autor dennoch das Feuer des Lesevergnügens zu entfachen vermag, gehört zu den versöhnlichen Erfahrungen dieser Lektüre. Die über das Buch verstreuten Einlassungen zum Thema Liebe sind in ihrem literarischen Anspielungsreichtum und ihrem analytischen Witz von hoher Güte. Wer sich jemals vor das Bedürfnis gestellt sieht, einen Ehevertrag eingehen zu sollen: auf Seite 339 ff. findet er eine «freiheitliche demokratische Grundordnung» der Zweierbeziehung ausformuliert, die im Familienrecht der neuen Bundesregierung kanonisiert werden müsste. Aber auch wer dem «Kältetod» der Einsamkeit entrinnen will, findet aufschlussreiche Detailbeobachtungen zum Innenleben von Wärmekörpern. Das Entscheidende ist immer die richtige Betriebstemperatur. Leider schalten sich nicht alle Systeme bei Überhitzung selbsttätig ab.
Stephan Krass
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.