" . bis alles denkbar wird, aber nichts mehr gilt."
(Sloterdijk)
Jedem, der aufmerksam auf Zusammenhänge achtet, wird auffallen, dass Besprechungen des Rezensenten versuchen, Zusammenhänge offen zu legen. Das hellste Licht sollte auf das Eigentliche fallen, auf die Dinge, die als zusammen gehörend scheinen, als Wahlverwandschaften werden sie explizit erwähnt oder sind implizit spürbar. Doch die Frage bleibt, was wird wirklich wahrgenommen. Und so soll dieses Vorwort eine Trias von zukünftigen Rezensionen aufzeigen, die in einem Punkt und in einer Person sich konzentrieren. Anlaß dieser Reihe ist ein Werk aus dem Jahre 2010, also ein sehr frisches und lebendiges, welches sich dennoch einer 200 Jahre alten Geschichte widmet, die anlehnt an die "Entstehung der Psychoanalyse".
Franz Anton Mesmer (1734-1815), Arzt, Heiler und als Wissenschaftler Begründer einer neuen Idee im Wien des 18.Jahrhunderts, ist Ursprung einer brillanten Geschichte von
Alissa Walser (1961-). Dennoch zunächst auf- und nachzuspüren sind Mesmer und sein Schüler, der spätere Entdecker der Hypnose (Marquis de Puységur, 1751-1825) im Protagonisten Jan van Leyden in dieser sloterdijkschen romanhaften Einführung in die Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse im Jahre 1785 im noch vor-revolutionären Paris. Diese Geschichte führt ein in das "Mesmersche Beben", in ein "Wetterleuchten einer neuartigen Freiheit". Mesmers neue "fluidistische Lehren" zeitigen ein neues "heraklitsches Zeitalter". Ein fluidaler Kosmopolitanismus drängt an die noch feste Oberfläche, eine okulte Welt will hinausbrechen in die Sichtbarkeit, wie man bereits bei
Joris-Karl Huysman (Tief unten) lesen konnte, letztendlich auch in
Mary Shelleys Frankenstein und in den phantastischen Erzählungen von
Edgar A. Poe, (III/S.74-87) oder
E.T.A. Hoffmann.
Im Jahre der Veröffentlichung der Kantschen
"Träume eines Geistersehers" legt Mesmer in Wien seine »Dissertatio Physico-Medica de Planetarum Influxu« vor, deren Inhalt und Bedeutung der Verfasser in seiner »Abhandlung über die Entdeckung des thierischen Magnetismus« wie folgt beschreibt: Meine Gedanken, über diesen Gegenstand, gab ich 1766 in Wien in einer Abhandlung: Vom Einfluß der Planeten in den menschlichen Körper heraus. Nach [...] bekannten, durch Erfahrung bestätigten Grundsätzen, der allgemeinen Attracktion, die uns überführen, daß ein Planet auf den anderen in seiner Laufbahn wirkt, und daß Mond und Sonne, auf unserer Erde, Ebbe und Fluth so wohl im Meer, als im Dunstkreis verursachen und lenken; behaupte ich: Diese Weltkörper wirken auch gerade zu auf alle wesentliche Bestandtheile lebendiger Körper, vorzüglich aber auf das Nerven-System, vermittels einer alles durchdringenden Flüssigkeit [fluide].
Peter Sloterdijk (1947-), ein philosophischer Essayist bekannt durch Funk und Fernsehen, hat bereits im Jahre 1985 berichtet von diesem Zauberbaum, der Metapher einer Welt ist, die wechselt zwischen Ansicht und Einsicht, zwischen Wahrheit und Bluff, zwischen Kunst und Heilkunst. Vorzustellen hat man sich, dass der moderne Mensch nicht mehr von einer Krankheit zu kurieren ist, weil er die Krankheit nicht mehr hat, sondern diese ist. Man solle "nicht von Revolution reden", aber von einer Geschichte, die sich rangt um ein Ereignis und die Folgen einer "Erfindung" eines Arztes, nämlich Mesmer. Die Frage nach dem "animalischen Magnetismus" wird geklärt in Hinblick auf Glaubwürdigkeit und in Hinblick auf die ersten Fragen der Esoterik. Die Welt als Wille und Vorstellung, als Imagination, wie Schopenhauer von Parcelsius (Euch ist genugsam wissend, was die strenge Imagination thut, welcher ein Anfang ist aller magischen Werke.) gar übernahm ("Animalischer Magnetismus und Magie" in: Kleine Schriften, Band III/V, S.296f; Ausgabe L. Lütkehaus), wird da deutlich, wo der "animalische Magnetismus an zwei so allgemeine Prinzipien wie Glauben und Wollen anknüpft", die Schopenhauer als "praktische Metaphysik" bezeichnet, als etwas, was sich in der Magie der "sympathetischen Kuren" im "Volke offenkundig in täglicher Ausübung" erhalten hat. Sloterdijk als Romancier macht warnend deutlich, dass dem Mißbrauch Tor und Tür geöffnet ist. Natürlich liegt hier eine Gefahr, aber es gilt eben auch die Trias des Zauberbaums: allez, touchez, guérisse! - und darin liegt das Geheimnis der magnetischen Praxis. Nichts wird denkend vorweggenommen, alles wird geschehen gelassen. "Wo das Reden über etwas beginnt, ist das Entscheidende schon verloren." (an Wittgensteins Traktatus kann man beruhigt denken) Der thierische Magnetismus ist nichts anderes als die Ausübung des reinen Wollens, "das seiner Natur nach nichts anderes sein kann als reines Wohlwollen". Im Grunde wird hier deutlich, was Schopenhauer via Parcelsius schon sagt. Wille, Vorstellung sind dem animalischen Magnetismus immanent. Ein Wollen, ihn zu lernen, macht damit das Wollen "an sich" zu Nichte. Wobei schon diese Formulierung auf das Noumenon der reinen Vernunft im Kantschen Sinne verweist.
Sloterdijk will hier nicht mehr als deutlich zeigen, dass auch die Literatur eine philosophische Botschaft vermitteln kann. (wie es bereits auch Bloom, Rorty u.a. gezeigt haben) Ein Roman wie dieser wird auch belebt durch die Eskapaden einer Liebesbeziehung, weiß um die interessanten und lesebindenden Mittel, die den Leser bei der Stange halten. Nie jedoch wird auf das Maß und das Ziel verzichtet, nämlich aus der Geschichte heraus eine Wahrheit zu gebären, die zeigt, was sich zutrug im Entstehungsprozess der Psycholanalyse. Sloterdijk glänzt bereits zu jener Zeit durch eine Wortgewandheit, durch Sätze, die wie in Stein gemeißelt jede Ewigkeit überdauern. Was ihn ausmacht, ist einfach das Denken und die Deutung in und von Zusammenhängen. Revolution, Kultur und Befreiung in der Zeit der Aufklärung sind Maximen und Leitgedanken und sind doch Spiel des Geistes. In summa ein Aufbruch als eine "Expedition in eine unvergangene Vergangenheit, die in den Bestand der heutigen Verhältnisse eingebrand ist." Alles spielt in einer erweiterten Modernen, auch in einem erweiteren Jetzt, wenn mal will, kann es eine Geschichte aus der aktuellen Zeitung sein.
Mesmers Kunst läßt sich deuten als eine
"Heilung durch den Geist". So der Buchtitel von Stefan Zweig, der ebenfalls mit Mesmer beginnend, der Frage und der Antwort dieser Heilung im Sinne der Psychoanalyse nachgeht, endend bei Freud, wie auch Sloterdijk, jener im Geburtsjahr Freuds 1856 seine philosophische Analyse beendet, während Zweig zumindest den Freudianischen Anteil ausgiebig aufbereitet und A. Walser einen Roman um eine wahre Begegnung und Heilung rund um die Begebenheit des alten Wiens im Geiste der Musik schreibt.
Wer Interesse an der Psychoanalyse hat, im Prinzip an einer Philosophie, die "Ich denke, dass ich bin" sagt und die Folgen daraus in der Bußarbeit der Psychologie erfüllen möchte, insbesondere die Umstände dieser Seinsform und ihre Gestaltung auf eine romanhafte Art kennenlernen möchte, ist hier richtig.
~~