"Der Zauber von Ashgrove Hall" handelt von Liebe und Tod, von Ewigkeit und Vergänglichkeit und von der Schönheit des Lebens. Es ist ein poetisches, romantisches, träumerisches Buch, nichts für Leserinnen, die es frech und witzig mögen oder für solche, die Spannung und Action vorziehen, für alle anderen aber sicher ein wundervolles Leseerlebnis.
Die Autorin Ursula Isbel ist sozial und für den Umweltschutz sehr engagiert, was sich auch in ihren Büchern zeigt: Da arbeiten die Heldinnen mit Problempferden, wollen Behindertenpädagogen werden, passen über den Sommer auf ihre jüngeren Cousins auf und unterhalten sich viel über die Ignoranz der heutigen Gesellschaft. Auch in den bezaubernden, aber nie kitschigen Landschaftsbeschreibungen zeigt sich dieses Anliegen Frau Isbels. Ihre Heldinnen sind emotional und sensibel, dabei aber niemals übermäßig empfindlich, humorlos oder weinerlich, sie sind empathisch, stark und intelligent und gerade jüngeren Leserinnen wird es eine Freude sein, sich in sie hinein zu versetzen.
Auch Merle, die Heldin von "Der Zauber von Ashgrove Hall", bildet in dieser Riege keine Ausnahme. Von schwerem Liebeskummer geplagt, bekommt sie per Zufall die Möglichkeit, zusammen mit ihrem Bruder Anders den Sommer im titelgebenden Anwesen in den schottischen Highlands zu verbringen. Auch Anders ist ein liebenswerter Charakter, mit dem ich als Leserin gern Zeit verbrachte - und obwohl es eine Selbstverständlichkeit sein sollte, muss man es Frau Isbel in Anbetracht all der Diskriminierung der derzeitigen Jugendbücher hoch anrechnen, dass auch ein nicht perfekt aussehender Charakter ein lieber Mensch sein kann.
Schön auch, dass Merle sich nicht mit der schönen Bronwen anfeindet. Auch das ist etwas, was mich in den Jugendbüchern dieser Zeit extrem stört: Andere Mädchen, besonders hübsche, sind offenbar Leute, die wir Mädchen grundlos hassen sollten, weil sie nur oberflächliche Zicken sein können und uns auf der Männersuche konkurrieren. Umso schöner, dass sich Merle und Bronwen anfreunden, Gespräche über andere Themen als Männer führen können und Bronwen sogar anspricht, dass sie es in einigen Aspekten bedauert, so hübsch zu sein - eben wie im Genannten, dass viele sie für oberflächlich halten.
Die subtilen Anleihen und Anspielungen an die Geschehnisse in der Vergangenheit sind zwar nicht atemberaubend, aber doch spannend und geben dem Buch einen besonderen Reiz, zumal der Leser mehr weiß als die Charaktere, ohne dass man ihnen jedoch in den Hintern treten wollen würde, weil sie einfach nicht darauf kommen. Auch die Liebesgeschichte zwischen Merle und Kyle ist, obwohl oder vielleicht gerade weil sie nicht als obsessiv und wahnartig beschrieben wird, süß und romantisch, sie entsteht trotz einer sofortigen Hingezogenheit Merles nach und nach, ohne überhastet oder wie eine bloße Behauptung der beiden zu wirken.
Leider büßt das Buch aufgrund seiner Kürze ein wenig ein, besonders im Bezug auf die Beziehungen der Charaktere zueinander. Das offene Ende wirkt dagegen nicht, als hätte die Autorin keine Lust mehr gehabt, Frau Isbel macht zwar eindeutige Anspielungen, überlässt den Rest jedoch der Fantasie der geneigten Leserin. Die Kürze des Buchs allerdings und der schöne, bildhafte, aber nicht kitschige Schreibstil machen es zu einem schönen Werk für zwischendurch, wenn man nichts allzu "Großes", aber eben auch nicht bedeutungsloses lesen mag. Viele der Elemente, besonders das der Wiedergeburt, des offenen Endes und auch des Schauplatzes, dürften Isbel-Fans altbekannt sein, wen das allerdings nicht stört, dem kann ich "Der Zauber von Ashgrove Hall" wärmstens empfehlen.