Das Bauernmädchen Manou ist die Protagonistin des zum Ausgang des 15. Jahrhunderts in der Provence spielenden Romans. Nachdem ihre gesamte Familie an der Pest gestorben war, lebte Manou einige Zeit in einer Höhle. Madame Angéle de Saignon erkennt Manou's übersinnliche Fähigkeiten und nimmt sie mit nach Fort Boux. Dort betreibt Angèle's Ehemann Justin, der Governeur von Boux alchemistische Forschungen, um ein Mittel zur Heilung seiner Syphylis zu finden. Manou assistiert ihm und wird in die Prinzipien des Hermes Trismegistos und die alchemistische Transmutation eingeweiht. Sie erhält Einblicke in die Buchstaben- und Zahlenmystik der Kabbala, Astrologie und andere esoterische Disziplinen. Von Angèle, die eine außerordentliche Abneigung gegen alles christliche hat, wird sie über die Vorzüge der alten Mithrasreligion und dem Kult des "Sol invictus" aufgeklärt. Nachdem jedoch alle Experimente Justin's gescheitert sind, überredet Angèle, ihren Ehemann dazu es einmal mit ihrem, wie sie meint, schnelleren Weg der "Schwarzen Magie" zu versuchen.....
Bei Angéle's blasphemischem Treiben will Manou nicht mehr mitmachen, flieht kurzerhand aus dem Fort und rettet dabei einen Säugling, der bei den Luziferischen Riten geopfert werden sollte. Ihre Flucht führt sie in das Augustinerinnenkloster St. Claire, wo sie der Oberin Eleonore von Castillon ihre Geschichte erzählt. Da Manou jedoch auf Dauer nicht im Kloster bleiben kann, begibt sie sich in die Lehre bei der heilkundigen Hebamme Azima. Manou wird nun von Angéle des Mordes an Justin mittels Hexerei bezichtigt und bei der Inquisition angezeigt. Um den Häschern zu entgehen schließt sich Manou als Mann verkleidet einer Schäfergemeinschaft an, die eine Großherde von 12.000 Schafe in die Alpen treibt. Nach ihrer Rückkehr gelingt es der diabolischen Angéle jedoch, Manou in ihre Dienste zu zwingen, weil sie deren Fähigkeiten zur Beschwörung der Dämonin Lilith (nach der Überlieferung Adam's erste, von ihm verstoßene Frau = Archetypus des Weiblichen und für die christliche Kirche Sinnbild des Bösen) dringend benötigt......
"Der Zauber des Windes" ist in erster Linie eine Darstellung der Rolle der Frau in einer Christlich-patriarchalischen Gesellschaft zum Ende des Mittelalters, an der Schwelle zur
Renaissance. Der Roman ist vollgepackt mit geheimnisvollen "Initationswissen" aller Art. Angefangen bei der Ourobusschlange, die sich selbst in den Schwanz beißend als Symbol der ewigen Wiederkehr gilt, über gnostischen Dualismus und Tarotkarten, bis hin zu den Eingangs erwähnten Mythen, bei denen die "schwarze Eva" (Inanna, Ischtar, Isis, Lilith u. a.)
die herausragende Rolle einnimmt. Die alljährlich am 27. Dezember stattfindende "Fête des Saints-Innocents" bei der das Volk einen "Pape de Fous" inthronisiert und sich im Ausbruch archaisch-anarchischer Bedürfnisse auch über kirchliche Sakramente ungestraft lustig machen darf, wir ausführlich beschrieben.
Die meisten Örtlichkeiten der Romanhandlung, wie Fort Boux, Apt, Bonnieux, Lacoste etc. sind tatsächlich existente Orte in der provencalischen Region „Luberon". Das Kloster St. Catherine und die Ortschaft St. Germain wird man jedoch vergeblich suchen. Es gibt eine ganze Reihe historischer Anmerkungen und Hinweise, wie z. B. auf die Dynastien der Valois, der Anjou, die Könige Renè der Gute, Ludwig XI und Karl VIII und die italienischen Kriege. Hildegard von Bingen fehlt ebenso wenig, wie die unvermeidlichen Templer. Die Schilderung, dass die Templergarnison von Boux noch 1316 (!) Widerstand geleistet haben und von Papst Johannes XXII begnadigt worden seien, entbehrt jedoch einer historischen Grundlage. Die Verhaftung der Templer in Frankreich erfolgte bereits 1307. Nach einem 7-jährigen Prozess starb der letzte Großmeister auf dem Scheiterhaufen in Paris (1314). (Historisch gab es tatsächlich nur einen Fall bei dem die Templerritter Widerstand leisteten, allerdings im Königreich Aragon). Der unterhaltsame und leicht lesbare Roman, bei dem es öfters zum Verschwimmen von Realität und Traumwelt kommt, kann vor allem als Urlaubslektüre vor Ort im Luberon empfohlen werden und ist mit 3 Amazonsternen zu bewerten.