Mit 14 Millionen verkaufter Bücher ist die australische Fotografin und Modedesignerin Anne Geddes wohl die erfolgreichste Babyfotografin der Welt. Und dass sie zu den Künstlerinnen gehört, die auch etwas vom Unternehmertum verstehen, beweist sie in der gemeinsam mit ihrem Mann gegründeten Firma "Next Generation Enterprises", die Millionen von Kalendern, Grußkarten und anderen Objekten in über 50 Länder vertreibt.
Wer mit seinen Produkten bei anderen Menschen so gut ankommt, hat ganz offensichtlich ein feines Gespür für deren Wünsche und Sehnsüchte. Die erfüllt sie auch bestens, indem sie sich nicht davor scheut, werdendes Leben und die Metamorphosen der Natur in Bildern darzustellen, die reine Vernunftmenschen an allzu idealistische Inszenierungen erinnern. Aber Kitsch ist nun mal eng mit der Suche nach dem Reinen, Unschuldigen und Paradiesischen verbunden. Wer schon mit dem Titel und dem Coverbild dieses Buches wenig anfangen kann, wird wahrscheinlich meine Bewertung ebenso wenig verstehen wie den künstlerischen Ansatz von Anne Geddes. Und von Kunst darf man durchaus sprechen, wenn man diesen Bildband betrachtet. Denn die Fotografin aus Down Under hat durchaus einen eigenständigen Stil entwickelt, der sich von den üblichen süßen Babyfotos stark abhebt. Und das liegt sicher auch daran, dass sich Anne Geddes in der Welt des Modedesigns ebenfalls zuhause fühlt.
In ihrem Vorwort beschreibt die Fotografin, wie die Idee zu diesem Buch entstand, was ihre Anliegen sind und welche Hindernisse sie überwinden musste, um das Projekt in den geplanten zwölf Monaten abzuschließen. Und da sie ja selber zwei Kindern das Leben schenkte, kennt sie die Gefühle, Ängste, Hoffnungen und Träume einer schwangeren Frau aus eigener Erfahrung. Ich hatte beim Betrachten der Fotografien jedenfalls nie das Gefühl, Anne Geddes habe einfach ihr Produktportfolio erweitern wollen.
Sicher, nebst ideologischen Vorbehalten gegen Inszenierungen von Babys und schwangeren Frauen, spielt bei der Beurteilung auch der persönliche Geschmack eine Rolle. Mir gefällt die Idee, das Geheimnis des Lebens weiter zu fassen und mit Metamorphosen zu verbinden, die wir nicht automatisch mit Neugeborenen verbinden. Vor allem weil Anne Geddes auch einen guten Blick für die kleinen Wunder der Natur hat. So begegnen wir auch phantastischen Aufnahmen von Blütenknospen, eingerollten Blättern, Vogelnestern, Kastanien, Früchten und Schmetterlingkokons.
Die mit der Kamera eingefangenen Inszenierungen vom Zauber des Lebens, werden in einem Fünffarbendruck von höchster Qualität wiedergegeben, was sich selbstverständlich auch im Preis des Buches niederschlägt. Aber oft lohnt es sich, auf die Anschaffung mehrerer Durchschnittsprodukte zu verzichten, um dafür einen Bildband anzuschaffen oder zu verschenken, der in die Kategorie Kunst fällt.
Mein Fazit: Anne Geddes löst ihr Versprechen im Vorwort ein, die Natur im Augenblick der Metamorphose einzufangen und die Parallelen zwischen uns selbst und anderen Wundern der Natur sichtbar zu machen. Dass sie dies in einem Stil macht, der bei einigen Betrachtern eventuell als Kitsch daherkommt, will ich ihr nicht zum Vorwurf machen. Im Gegenteil, vielleicht kann sie mit ihren kunstvollen Inszenierungen und wunderschönen Fotografien sogar zur Erkenntnis beitragen, dass die Vertreibung aus dem Paradies etwas mit dem Siegeszug der Vernunft zu tun hat. Die meisten werdenden Mütter wird man davon nicht überzeugen müssen.