Russland ist überall
Ulrich Schmids Roman «Der Zar von Brooklyn»
Wer Ulrich Schmids Reportagen aus Russland, den USA und neuerdings aus China kennt, hat im NZZ-Auslandskorrespondenten schon immer einen sprachkräftigen Autor vermutet. Nun tritt Schmid mit seinem Roman «Der Zar von Brooklyn» den Tatbeweis an, dass er auch die epische Grossform meistert. Das Thema ist in der Tat für eine breite Darstellung geeignet: Es geht Schmid um nichts Geringeres als die Darstellung des postsowjetischen Bewusstseins, das zwischen larmoyanter Selbstabwertung und blinder Verehrung für Amerika oszilliert. Der über 500 Seiten starke Roman überrascht mit einer ungewöhnlichen Form: Aufgebaut ist er als Bericht, an dessen Ende der junge Journalist Sascha Zwetkow seine Aufnahme in eine Mafiaorganisation beantragt.
Die gefährliche Geschichte des Protagonisten ist gleichzeitig die Schilderung eines moralischen Zerfalls. Zwei Reisen nach «Little Odessa» dem Brooklyner Stadtteil Brighton Beach , verschiedene gewaltsame Verhöre durch die russische Mafia, die auch in Amerika aktiv ist, und schliesslich der kombinierte berufliche und private Eklat führen Sascha Zwetkow aus seiner engagierten Naivität in jene müde Desillusionierung, die so charakteristisch ist für die russische Befindlichkeit der neunziger Jahre. Trotz dem überraschenden Schluss, der das sorgfältig aufgebaute Beziehungsgeflecht der Handlungsfiguren noch einmal grundsätzlich neu arrangiert, sollte man nicht den Fehler begehen, Schmids Roman als Krimi zu lesen. Die kriminalistische Grundstruktur wird hier nur als Kunstgriff eingesetzt, in dem sich die Scheinhaftigkeit des russischen Geschäftslebens spiegelt: Jeder spielt verschiedene, meist sogar widersprüchliche Rollen; bestenfalls ahnt man das allgegenwärtige Verbrechen, wenn man nicht darin verwickelt ist es besteht jedoch ein stillschweigender Konsens des Gewährenlassens. Personen, die ausserhalb dieses Geflechts von Korruption und Intrige stehen, sind entweder pensionierte Sowjetbürger oder kauzige Intellektuelle.
Beide Typen kommen auch in Schmids Roman vor: Saschas betagter Vater dämmert in einer rührenden Unwissenheit dahin; er hat die sozialistische Welt zeitlebens nie verlassen und wünscht sich nichts mehr ausser einem ruhigen Schlaf. Den zweiten Sympathieträger verkörpert der brillante Mathematiker Serjoscha, dessen selbstbewusster und gleichzeitig furchtloser Einfachheit eine der amüsantesten Szenen des Romans gewidmet ist: Als Serjoscha ein verpacktes Brett zur Moskauer Post bringen will, kann sich eine aufsässige Mafiabande gar nicht vorstellen, dass in dem Paket etwas anderes als eine Maschinenpistole verborgen ist.
Die side effects eines Krimis kommen Schmid ausserdem in einer turbulenten Verfolgungsjagd durch das Zentrum Moskaus zugute, die nicht in erster Linie Saschas spannendes Entkommen zum Gegenstand hat, sondern eine versteckte Liebeserklärung des Autors an die russische Hauptstadt darstellt. Man könnte die Fluchtroute anhand eines Stadtplans genau rekonstruieren; jeder Strassenzug Moskaus verfügt über einen eigenen, unverwechselbaren Charakter, der sogar noch im atemlosen Durchlauf dieser Szene literarisch zur Geltung kommt. Schmids Stärke liegt in der präzisen Beschreibung der russischen Wirklichkeit, die er in ihrem ganzen sinnlichen Spektrum wahrnimmt: ständig spürbar ist die süsslich-mürbe Moskauer Luft, die aus einem eigenartigen Gemisch von Russ, Abfällen und Urin besteht.
Am deutlichsten offenbart sich aber die künstlerische Qualität von Schmids Roman in seiner Figurenpsychologie. Jede Handlungsfigur hat ihren Platz im postsowjetischen Universum: die unglückliche Geliebte, die sich für westliche Psychohygienemassnahmen begeistert; der Altkommunist aus der Provinz, der keine überflüssigen Fragen stellt; der schmierige Geschäftsmann, der sich arrogant in seinem Erfolg sonnt. Kontrastiert wird das russische Panoptikum durch die Gestalt der amerikanischen Studentin Tracy einer Figur, die dem Autor gewissermassen als USA-Kondensat dient. Tracy führt mit ihrem Verlobten eine Handy-Beziehung, glaubt unverbrüchlich an die Effizienz der staatlichen Rechtspflege und verfügt über ein sorgfältig kalkuliertes Interesse für ihre Mitmenschen, das unversehens in Desinteresse umschlagen kann.
Keine Figur gibt in diesem Roman alles von sich preis; jeder Dialog erhält eine prekäre Doppeldeutigkeit, in der es das Gemeinte vom Gesagten zu unterscheiden gilt. Das gelingt auch Sascha nicht immer: Erst ganz am Ende wird er sich klar darüber, dass er die ganze Zeit ohne sein Wissen für die Mafia gearbeitet hat. Als roter Faden zieht sich jedoch die geheime Faszination für das Verbrechen und dessen rhetorische Bewältigung durch Sascha Zwetkows Bericht und hier liegt wohl auch die zentrale Herausforderung, der sich Schmids schriftstellerischer Ehrgeiz stellen will: Der Roman weist eine höchst subjektive, zum Schluss sogar hysterische Innenperspektive auf, in der moralische Bedenken allmählich von sprachlichen Tabus und Euphemismen verdrängt werden. Ulrich Schmid hat sein ambitiöses Vorhaben virtuos umgesetzt als Protokoll einer seelischen Korrumpierung, in der die russische Misere schliesslich als individueller Bewusstseinszustand lesbar wird.
Ulrich M. Schmid
N. B. Autor und Rezensent sind weder identisch noch verwandt.
Pressenotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 22.03.2000
Geradezu verzückt äußert sich Hans-Peter Kunisch über diesen Roman eines Schweizers, der aus der Ich-Perspektive eines russischen Journalisten über New York erzählt. Der Rezensent staunt über die Einfühlung in seinen Charakter, zu der Schmid - ehemals Moskau-, dann Amerikakorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung - fähig sei, so dass man ihm als Leser seine Anverwandlung an seinen russischen Helden durchaus abzunehmen scheint. Was auch immer in den Blick dieses jungen Russen hineingerät, ob es die in den USA so häufigen "Hochübergewichtigen" sind oder die russische Mafia - Kunisch findet es mit "körpergenauem Realismus" erzählt. Das Bedenken, ob dieser Realismus etwas Altmodisches sei, wischt Kunisch ob seiner Lesefreude mit leichter Hand bei Seite. Nein, gar nicht, und überhaupt wirke dieser Realismus heute wieder "neu". "Ulrich Schmid kann, was von der deutschsprachigen Literatur immer wieder gefordert wird: erzählen."
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