Das Buch erschien mir anfangs sehr Coelho untypisch. Schon die Seitenanzahl hat mich nach dem Erhalt erschreckt :)
Ich habe selten gute Bücher gelesen, die mehr als 300 Seiten hatten. Meistens ist nach den ersten 100 immer die Luft raus und Situationen und vermittelte Botschaften wiederholen sich.
Bei Coelho ist das zum Teil auch nicht anders, und dann doch wieder vollkommen neu.
Es ist schwer zu beschreiben; einerseits findet man in dem Buch die total typischen von Coelho vermittelten Botschaften über Liebe, Freiheit, Leid, Lebensinn..., andererseits kann der Leser seine Worte diesmal nicht "wahlweise" auslegen.
Die Hauptperson bringt seine eigenen Worte, seine eigene Selbstfindung gerade durch die vielen Dialoge des Buches so klar wie nie rüber.
Und ja, einige meiner Vorrezensenten haben Recht, wenn sie sagen, dass sich in diesem Buch teilweise Passagen aus anderen Büchern Coelhos wiederholen. Ich finde das auch durchaus natürlich. Genau in diesem Buch sieht man, dass die Hauptperson daran wächst. (auch sehr autobiographisch)
Manche scheinen nicht begriffen zu haben, worum es in diesem Buch geht. Sie wollen eine leichte Lektüre fürs Schlafengehen, etwas Berieselung, damit sie ihr erbärmliches geregeltes Leben für Augenblicke vergessen können, dass sie zu keinem Ziel führt.
Coelhos Buch ist aber keine leichte Kost, wenn man es wirklich liest. Man ist dazu aufgefordert sein eigenes Leben zu überdenken, seine eigene Lebensgeschichte zu reflektieren. Er fordert uns auf, nachzudenken, was wir wirklich in unserem Leben erreichen möchten, wofür wir eigentlich leben und vorallem wo wir von unserem Weg, vom Weg der Liebe und Freude abgekommen sind.
Die meisten Menschen warten auf "bessere" Zeiten, behaupten von sich selbst sie sind glücklich, sie sind frei. Aber wenn man genauer nachfragt, nachbohrt kommt man drauf, dass diese Menschen gar nicht mehr genau wissen, worauf sie eigentlich warten und vorallem wozu.
In Coelhos Buch wird der Hauptdarsteller von seiner Frau verlassen. Eine Frau, die er meint zu lieben, allein schon aus dem Grund, weil sie viel miteinander durchgemacht haben.
Wie kann diese Frau ihn nur verlassen? So völlig grundlos? Ohne ein Wort des Abschieds?
Wie kann sie einfach gehen? Es war doch bis auf die "normalen" Ehestreits alles in Ordnung... war es das? Natürlich!
Es ist doch normal, dass jede Beziehung ihre Höhen und Tiefen hat. Irgendwann ist es einfach nicht mehr so aufregend, wie zu Beginn. Muss ja so sein. Muss so sein? Weswegen muss es so sein? Wer bestimmt, dass es so zu sein hat?
Im Leben hat man gewissen Richtlinien zu folgen. Das ist so. Warum das so ist? Warum sollten wir das hinterfragen...
Der Hauptdarsteller beginnt zu hinterfragen. Er macht sich auf die Suche nach seiner Frau, die ihm nicht mehr aus dem Kopf geht, regelrecht in Gedanken verfolgt.
Was anfangs als Suche nach seiner Frau beginnt, endet als Suche nach sich selbst: nach Liebe, Leben und Abenteuer. Die Ehrlichkeit zuzugeben, dass in seinem eigenen Leben doch nicht alles so passt, wie es den Anschein hat (bzw. er sich selbst einredet).
Einige Passagen im Buch find ich teils sehr "abgehoben", aber die Botschaften die in dem Buch vermittelt werden kommen ganz klar rüber. (Vorausgesetzt man liest es aufmerksam...)
Eine Stelle, die mich besonders beeindruckt bzw zum Nachdenken angeregt hat, findet sich auf Seite 180:
"Marie, stell dir einmal vor, zwei Feuerwehrleute gehen in einen Wald, um ein kleines Feuer zu löschen. Als sie wieder herauskommen und an das Ufer eines Baches gelangen, ist das Gesicht des einen mit Ruß bedeckt und das Gesicht des anderen vollkommen makellos. Ich frage dich: Welcher der beiden wird sich das Gesicht waschen gehen?"
"Das ist eine alberne Frage: natürlich der, dessen Gesicht voller Ruß ist."
"Falsch: Derjenige, dessen Gesicht voller Ruß ist, wird den anderen anschauen und denken, er sähe genauso aus wie der andere. Und umgekehrt. Der mit dem sauberen Gesicht wird sehen, dass sein Kamerad voller Ruß ist, und sich sagen: Ich muss auch dreckig sein, ich muss mich waschen."
"Was willst Du damit sagen?"
"Ich will damit sagen, dass ich im Krankenhaus begriffen habe, dass ich mich in allen Frauen, die ich geliebt habe, selber gesucht habe. Ich blickte in ihre sauberen, schönen Gesichter und sah mich darin widergespiegelt. Sie hingegen schauten mich an und sahen die Asche, die mein Gesicht bedeckte, und mochten sie auch noch so intelligent und noch so selbstsicher sein, am Ende sahen sie sich in mir widergespiegelt und hielten sich für schlechter, als sie waren. Bitte, lass nicht zu, dass dies mit dir geschieht."
Fazit:
Mir hat das Buch ausserordentlich gut gefallen.
Wer hingegen nur eine leichte Kost haben will, sollte zu einem anderen Buch greifen (sonst kommt er womöglich noch drauf, dass in seinem Leben etwas Wichtiges fehlt...)