Verdienstvoller Weise legt der Alexander Verlag seit einigen Jahren die Thriller des großen Ross Thomas wieder auf, der noch immer der Wiederentdeckung harrt und eigentlich in der Klassiker-Reihe neben Eric Ambler gehört. Auch die neueste Übersetzung, "Yellow-Dog-Kontrakt", ist reinstes Krimigenre der Extraklasse, politische Abteilung.
Harvey Longmire ist ein Mann mit Prinzipien, aber ohne Ziel. Zum Beispiel ist er fest überzeugt, dass etwas, wovon man sich richtig gut fühlt, nur schlecht sein kann. Deswegen lässt er die Finger vom Heroin und von der Macht. Früher hat er in Washington als Polizeireporter, Wahlkämpfer und Abgeordneter gearbeitet, heute möchte er seine Zeit in der Politik so gern vergessen wie ein sizilianischer Geschäftsmann seine Anfänge als Auftragsmörder. Auf seiner Farm in Virginia züchtet er Bienen, Ziegen und Weihnachtsbäume, baut und lässt sich einen Bart wie William Powell stehen. Seiner Frau gefällt's, sagt er, sagt sie. Sie malt Glückwunschkarten, manchmal dichtet er die Texte.
Es hätte daher vielleicht gar nicht das viele Geld gebraucht, um Harvey Longmire zum Ausstieg aus dem Ausstieg zu überreden. Von einem reichen Erben, dessen Stiftung sich der Aufdeckung politischer Verschwörungen verschrieben hat, wird er angeheuert, das Verschwinden des Gewerkschafters Archie Mix zu untersuchen. Dessen Nachfolger an der Spitze der Public Employees Union hat eine neue harte Linie ausgegeben und droht, mit Streiks das öffentliche Leben in den größten Städten des Landes lahmzulegen. Die Demokraten sind von so viel Arbeiter-Selbstbewusstsein gar nicht begeistert. Wahlen stehen an, und geschlossene Schulen und stinkende Müllberge würden die Wähler wohl eher abschrecken. Außerdem ereignen sich zwei sehr unschöne Morde. Das riecht nach Republikanern. Oder CIA.
Howey Longmire mischt also wieder mit, wärmt ein paar Kontakte, die Washingtoner Umgangsformen beherrscht er noch ganz gut: Gegner einschüchtern, Gegner kaufen, Freunde manipulieren. Dabei immer einen Bourbon trinken. Und von allen nur das Schlechteste erwarten. Wir befinden uns im Washington der 70er Jahre, kurz nach Watergate. Nur wer nichts macht, macht sich nicht die Hände schmutzig. Und je mehr Profis sich einschalten, um so dreckiger wird's. Zu Weihnachten gibt's die Gehaltserhöhung.
Bevor Ross Thomas begann, Krimis zu schreiben, hat er selbst als Journalist, Gewerkschaftssprecher und Wahlkampfberater gearbeitet. Und auch wenn er in die tiefsten Tiefen des Kampagenenmanagementes hinabsteigt, hält er immer höchstes Niveau. Sehr anrechnen muss man ihm auch, dass er nie zynisch wird, bei allem Sarkasmus, mit dem er auf die Niederungen zwischen Pennsylvania Avenue, Dupont Circle und Capitol Hill blickt. Überhaupt erinnert "Yellow Dog" daran, wie schnell, geistreich und witzig Politthriller einmal waren. Und wie glamourös, lässig und sexy das heruntergekommene Washington der 70er Jahre war. Wer öffnet heute noch nackt die Tür? So wie Harveys laszive Schwester, die Ross Thomas wirklich großartig zeichnet als junge Millionärswitwe, die ihre Kinder auch noch nach dem dritten Joint französisch erzieht. Und die bei allem Dope auch im entscheidenden Moment nicht die Kaltblütigkeit verliert, einen Mann zu töten. Anschließend muss sie ihren Bruder nur ein bisschen anturnen.
Der Yellow-Dog-KontraktThekla Dannenberg für perlentaucher.de