„Der Wurm Ouroboros" ist das Hauptwerk Edward Rücker Eddisons, eines britischen Autors aus der Hälfte des vergangenen Jahrhunderts: schon 1922 erschien der Wurm, also zehn Jahre bevor Tolkien den kleinen Hobbit ersann. In der Aufzählung der klassischen Fantasyromane wird der „Wurm" entweder gleich neben Tolkien gestellt oder überhaupt nicht erwähnt; ein Grund dafür mag sein, daß dieses Werk lange nicht auf Deutsch übersetzt wurde, es gemeinhin als unübersetzbar galt. Der Roman ist alles andere als leicht handzuhaben: es handelt von den Kriegen der „Dämonen" gegen die „Hexen" in der Phantasiewelt Merkurien, von den Feldzügen und Gefahren, die die Heroen beider Völker zu bestehen haben. Nichts, was man allgemein mit „Dämonen" oder „Hexen" verbindet, haben aber diese beiden Völker gemein, im Gegenteil, die Dämonen sind die rechtschaffene Seite hier, sie haben eine Anzahl prunkvoller Könige, Fürsten und Helden, während die Hexen ebensolche Fürsten und Haudegen ins Felde führen. Magie ist ihnen nicht geläufig, nur der König von Hexenland, Gorice, versteht sich auf die „Ergomantie" und beschwört in zwei Szenen Mächte der Finsternis. Und er besitzt einen Ring mit dem „Wurm Ouroboros", einem Drachen, der sich selbst in den Schwanz beißt, als Symbol für die ewige Wiederkehr. Von diesem wechselhaften Kampf handelt also das Buch, und das alles wird beschrieben mal im Stile der klassischen Heldensagen des Nordens, mal im Stile der Shakespearschen Dramen und dann wieder als griechische Sagen a la Ilias. Zudem verwendet der Autor eine derart eigenwillige Sprache, die ihresgleichen sucht. Es finden sich Größtenteils sehr schöne mittelalterliche Ausdrücke und Redewendungen darin, dann wieder Anspielungen auf griechische Götter, auf alte Verse in den Sagas, und mal schwenkt der Erzählstil ganz in die altenglische, mal in einen kunstvoll gedrechselten Mischmasch um. Tolkien hat ja später das Erschaffen von Sprachen perfektioniert, Eddison gefällt es, spielerisch damit umzugehen: eine durchgehende Linie sucht man vergebens, seine Erzählstil ist aber nichtsdestotrotz beachtenswert und immer wieder überraschend. Dazu kommt, daß die Schilderungen immer sehr ins Extreme gehen. Es ist kein Buch mit Taten von gewöhnlichen Menschen, sondern von Heroen sondergleichen: da ist alles prächtigste, prunkvollste, mächtigste und edelste, da wird der Pomp an den Fürstenhäuusern mit altertümlichen Fachausdrücken seitenlang geschildert, da wird der Schlachtenverlauf ausführlich dem Leser vermittelt, und es wird klar, in dieser Welt, da gibt es Helden im wahrsten Sinne des Wortes. Die Beschreibung der Landschaften sind ebenfalls faszinierend, immer wieder stößt man auf Wendungen, Beschreibungen in Eddisons Stil, an den man sich zwar relativ langsam gewöhnt, ihn dann aber um so mehr schätzt. Dieses Buch ist somit nichts für den eiligen Leser. Die Handlung ist zwar stellenweise spannend, aber nicht herausragend. Was das Buch zum Klassiker machte, das ist dieser erwähnte ungewohnte, mittelalterlich anmutende Stil, der nahezu einzigartig ist. Lediglich die Werke von Lord Dunsany sind ähnlich gehalten, wer die wunderbare Prosa dieses phantastischen Schriftstellers schätzt, dem wird auch der „Wurm Ouroboros" begeistern. Und, ja auch bei H.P.Lovecraft findet man solcher Art Phantastik: in seinen Traumlande-Novellen, wenn er von den goldenen Dächern von Celephais berichtet. In dem vorliegenden Bastei-Taschenbuch ist lobenswerterweise eine 50seitige Einführung von Paul Edmund Thomas dabei: sie ist unbedingt notwendig, will man den „Wurm" in seiner Gänze verstehen. Hier erfährt man auch Wissenswertes aus Eddisons Umfeld, über seine Vorlieben und seine Zeitgenossen. Und auch während des Romanes selbst stößt man immer wieder auf jede Menge Fußnoten, die zwar den Leseverlauf etwas hemmen, aber dann interessante Einblicke zu alten Wörtern oder Zitaten geben. Als Unterhaltungslektüre ist der „Wurm Ouroboros" nur bedingt geeignet und nur geduldigen Lesern empfohlen, wer jedoch um der Sprache wegen liest oder einmal wirklich ein außergewöhnliches Buch zur Hand nehmen will, einen Klassiker aus der Zeit, als das Wort Fantasy noch gar nicht existierte, dem sei der Wurm bestens empfohlen!