Die Richtlinien der katholischen Kirche für Selig- und Heiligsprechungen verlangen nicht nur eine genaue Untersuchung des Lebens und Wirkens der betreffenden Person, sondern auch den Nachweis eines auf ihre Fürsprache geschehenen unerklärbaren Wunders, das als die übernatürliche Bestätigung der Heiligkeit gewertet wird. Dies galt selbstverständlich auch für den am 1.Mai 2011, dem von ihm eingeführten Festtag der göttlichen Barmherzigkeit, selig gesprochenen Papst Johannes Paul II. (1920-2005), der wie keiner seiner Vorgänger Selig- und Heiligsprechungen gefördert und vorangetrieben hat. Andreas Englisch, der wohl bekannteste deutsche Vatikankorrespondent, journalistischer Begleiter und Biograph des Wojtyla-Papstes, hat nun unter dem Titel "Der Wunderpapst" nicht nur die für seine Seligsprechung erforderliche wunderbare Heilung einer Ordensschwester von ihrer Parkinsonkrankheit (der Krankheit unter der Johannes Paul II. selbst jahrelang litt) geschildert, sondern ist vielen weiteren bisher zurückgehaltenen oder nur gerüchteweise weitergereichten wunderbaren Begebenheiten nachgegangen. Der Papst wollte nicht, wie er durch seinen Pressesprecher Joaquin Navarro-Valls dem Autor ausrichten ließ, dass zu seinen Lebzeiten darüber berichtet wird. Nun aber sieht Englisch die Zeit gekommen, diese Zurückhaltung nicht weiter pflegen zu müssen und berichtet engagiert, aber ohne jede sensationslüsterne "Wundersucht" von mutmaßlichen Wundern, die Johannes Paul II. erwirkte: in Zacatecas/Mexiko, in Saint Lucia in der Karibik, in Bosnien, in den Hochburgen der Camorra und selbst im Vatikan, wo auch sein Überleben des Attentates von 1981, die eigenartige Lenkung der Kugel, als wunderbarer Eingriff gewertet werden kann. Der Autor folgt Karol Wojtyla auch in seine polnische Heimat, in seine biographische Herkunft und seine Prägung durch die Barmherzigkeitsbotschaft der von ihm im Heiligen Jahr 2000 heiliggesprochenen Mystikerin Maria Faustina Kowalska. Der Wojtyla-Papst wird bei Englisch lebendig als ganz von Gott und seiner Kraft ergriffener Mensch und Missionar auf dem Stuhl Petri. Er hat sich von vielen Schemen souverän gelöst und bei manchen ängstlichen Gemütern auch Irritationen verursacht. In seiner Heimatstadt Wadowice hat 1999 ein übereifriger Priester dem trotz Altersschwäche und Krankheit aufblühenden Papst das Wort abgeschnitten ("der träumende Papst", Seite 257). Aber bei welchem echten Propheten und Heiligen wäre das nicht der Fall? Andreas Englisch ist nach den allgemeinen Büchern über Wunder in der Kirche ("Gottes Spuren", 2006) und über Prophezeiungen ("Wenn Gott spricht", 2009) ein großer Wurf gelungen mit seinem Lieblingsthema Johannes Paul II. / Karol Wojtyla. Die Empathie für den großen polnischen Papst kann auf die Leserinnen und Leser dieses spannend und flüssig geschrieben Buches überspringen (auch durch die beigefügten Fotos) und zur staunenden Erkenntnis führen: "Groß ist Gott in seinen Heiligen". So ist seine Seligsprechung, die nicht etwa alle seine Amtshandlungen für unfehlbar erklärt, nicht nur eine Freude für die Kirche, sondern auch für Andersgläubige und die gesamte Menschheit, die 2005 so ergriffen um ihren geistlichen Freund getrauert hat. Sein Wirken als "Mauerbrecher" gehört der historischen Vergangenheit an, als Seliger ist er auch in Zukunft "wunderbar" präsent. Die Kirche hat sein Erbe noch lange nicht ausgeschöpft.