Sensationell - das ist das einzige Wort, das mir zu diesem Buch einfällt. Das Beste, was ich in den letzten Jahren gelesen habe! Schade, dass ich keine sechs Sterne vergeben kann, eigentlich müsste ich jetzt das meiste von dem, was ich in den letzten Jahren rezensiert habe, um einen Stern herabsetzen, um diesem Buch gerecht zu werden.
Selten habe ich erlebt, dass jemand zwei Qualitäten so in einem Buch vereint:
* das zu schreiben, was ich "große Literatur" nennen möchte und
* dennoch das abzuliefern, was neudeutsch "Pageturner" heißt, also ein Buch, das einen nicht mit dem Lesen aufhören lässt, weil man immer noch wissen will, wie es wohl auf der nächsten Seite weitergeht.
Zur Handlung fasse ich mich kurz, denn dazu ist hier bei Amazon an anderer Stelle schon etliches gesagt: der Autor erzählt sechs Kurzgeschichten in einem Band. Soweit wäre das nicht ungewöhnlich. Spannender wird es schon dadurch, dass alle Geschichten miteinander verwoben sind - mal mehr, mal weniger. So ein bisschen in der Art von Pulp Fiction, vielleicht ist Mitchell ja Tarantino-Fan?
Hier ein Kurzabriss über die sechs Geschichten:
* Das Pacifiktagebuch des Adam Ewing
ein bisschen wie die Abenteuergeschichten von Jack London oder Karl May, spielt auch in etwa zu dieser Zeit und ist in Tagebuchform erzählt
* Briefe aus Zedelghem
1931 schreibt der Komponist Robert Frobisher an seinen besten Freund etliche Briefe aus dem belgischen Exil - nicht nur über seine erotischen Wirrungen.
* Luisa Reys erster Fall
Ein Thriller rund um die Atomlobby und die Anti-AKW-Bewegung der USA in den 1970ern
* Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish
Eine Mischung aus Thriller und Schelmenroman, dargeboten als Ich-Erzählung und angesiedelt irgendwann in unseren Tagen. Von der Handlung her ein bisschen wie "Einer flog über das Kuckucksnest".
* Sonmis Oratio
Ein (wie ich finde genialer) Science Fiction. Eine Jahreszahl wird nicht genannt, aber man könnte so ungefähr das Jahr 2150 vermuten. Die Konzerne haben die Herrschaft über die Welt. Es gibt keine Regierungen mehr, sondern einen "Vorstand". Klone sind die modernen Sklaven. Ein weiblicher Klon begehrt auf. Erzählt in der Form eines Verhörs dieses Klons nach seiner Verhaftung.
* Sloosha's Crossin' un wies weiterging
Spielt noch deutlich weiter in der Zukunft. Die Zivilisation ist so gut wie untergegangen. Wilde, unzivilisierte Stämme kämpfen gegen die, die sich einen Rest Zivilisation bewahrt haben. Das Ganze erzählt in einer wilden, unzivilisierten Sprache, wie es der Titel schon erahnen lässt.
Und dann das Ganze wieder zurück. Alle sechs Geschichten werden an einem bestimmten Punkt durch die nächste Geschichte unterbrochen und dann wird der Faden rückwärts wieder aufgewickelt, so dass das Buch wieder mit dem "Pacifiktagebuch" endet.
Allein schon diese Form des Erzählens finde ich einzigartig. Robert Frobisher komponiert in "Briefe aus Zedelghem" am Werk seines Lebens, dem "Wolkenatlassextett". Er beschreibt es so:
"'Sextett für einander überschneidende Solostimmen' (...). Klavier, Klarinette, Cello, Flöte, Oboe, Violine, jedes Instrument mit einer ganz eigenen Sprache aus Tonart, Melodik und Klangfarbe. Im 1. Satz wird jedes Solo vom nachfolgenden unterbrochen, im 2. setzen sich die unterbrochenen Soli in umgekehrter Reihenfolge fort."
Besser kann man die Struktur des Buches nicht umschreiben. Und Mitchell nimmt sich gleich selbst auf den Arm, indem er Frobisher die Frage stellen lässt: "Revolutionär oder effekthascherisch? Werde das erst erfahren, wenn es fertig ist, und dann ist es zu spät (..)" .
Ein Grundthema aller sechs Erzählungen ist die Freiheit. Ob es nun im "Pacifiktagebuch" um den unterdrückten Pazifikstamm der Moriori geht, in den "Briefen" um die fehlende materielle Freiheit des Küstlers, die Dominanz der Konzerne bei "Luisa Rey" und "Sonmis Oratio", die dort auch dargestellte Unterdrückung der Klone oder die der sanfteren, zivilierteren Völker durch die brutaleren in "Sloosha's Crossin'".
So endet das Buch auch (ich glaube nicht, dass das was jetzt kommt ein Spoiler ist, aber man muss ja an dieser Stelle nicht weiterlesen, wenn man nicht will) mit dem Entschluss des jungen Notars Ewing, sich den Abolitonisten (also der Antisklavenbewegung) anzuschließen und für die Freiheit zu kämpfen. Wissend, dass man ihm entgegenhalten wird, "dass dein Leben nicht mehr gewesen ist als ein Tropfen in einem grenzenlosen Ocean!" "denn was aber ist ein Ocean anderes als eine Vielzahl von Tropfen?"
Also ein hoffnungsvolles Ende, ein Appell, Verantwortung für den Tropfen zu übernehmen, den man selbst beisteuert.
Fazit:
Das Buch befasst sich mit wichtigen und interessanten Themenstellungen. Der Autor legt eine berauschende Sprachgewalt und Experimentierfreudigkeit an den Tag. Und er zieht den Leser in eine spannende Handlung hinein - was will man mehr?