So sagte es bereits unsere Lieblingsoberschlaue, Hermine Granger, im Unterricht in Hogwarts. In der Tat: Joanne K. Rowling hat sehr kenntnisreich und effektvoll von diversen Schauermythen geklaut. Genau darum geht es im vorliegenden Film. Ungebändigte Kräfte und Wut erwachen, die Haare beginnen zu sprießen, vor allem im Gesicht, und man ist dem fassungs- wie hilflos ausgeliefert... nein, das ist keine Beschreibung der Pubertät, sondern der Werwolfverwandlung. Die man jedoch als Pubertätssymbolik deuten kann. Andererseits gibt es diverse Gesetze des Genres. Der Werwolf, der nur durch Silber getötet werden kann, die Infizierung durch Werwolfsbiß... Dies alles prallt also in "Der Wolfsmensch" zusammen, leider nicht immer überzeugend. Von der Edition her sicherlich fünf Sterne, da in bester Qualität und mit vielen Extras. Vom Film her leider nur drei.
Die Universal-Studios hatten 1941 bereits zahlreiche Monster (und zahlreiche Fortsetzungsfilme) geschaffen. Nachdem 1935 etwas glücklos ein Werwolffilm entstanden war, versuchte man es noch einmal, und "Der Wolfsmensch" gilt heute als der Begründer des klassischen Subgenres. Viele der typischen Elemente hatte Drehbuchautor Curt Siodmak erfunden und damit eine Legende mitbegründet. Die Masken sind wie immer in aufwändiger Handarbeit (u.a. mit Yakhaaren) und ohne das künstlicher wirkende Latex entstanden. Freilich darf man keine Wunder à la CGI erwarten, doch der Film ist technisch auf der Höhe seiner Zeit.
Atmosphärisch ist er hingegen "nur gut" und dramaturgisch wie schauspielerisch knirscht es mitunter. Wabernder (Studio-)Nebel im Wald und wilde Astformen schaffen eine gewisse Atmosphäre, aber erreichen niemals die Meta-Ebene vieler Films Noirs. Es sind nur Äste, und ihre Kadrierungen offensichtlich dazu gedacht, Gewalt abzumildern und die Zensoren zu beruhigen. Curt Siodmak hatte laut Bonusmaterial Großes vor, Anklänge an einen macht- und schuldlos Bösen wie in der griechischen Tragödie. Doch das Ganze ist mit Schauerlegenden und -klischees vollgestopft, die solche Ansätze abwürgen. Der Film ist genauso in seinem Kostüm gefangen wie die Titelfigur. Wilde Zigeuner, Prophezeiungen, Vollmond, die Wolfsblume, ein gleich drei Mal aufgesagtes Gedicht, dieser Film weiß nie so recht, ob er Drama oder Trivialhorror sein will. Vielleicht hat er das sogar bewusst getan, denn gegen Ende gibt es einen Filmfehler, der vielleicht extra besteht. Nachdem der Vater des Wolfsmenschen (Claude Rains) in üblich überzeugender Claude-Rains-Diktion eine psychologisch Jekyll & Hyde-Erklärung abgegeben hat, wird der Sohn auf einen Stuhl gefesselt. Wenig später ist er in jeder Hinsicht entfesselt - die Pubertät wie das Böse lassen sich eben nicht erklären, und der Vater wird dies am Ende besonders schicksalhaft erfahren.
Einmal abgesehen von den etwas klischeehaften Einbettungen und einer Bildsprache ohne doppelten Boden muss sich der Film mit einem zu gemächlichen Tempo, Logikproblemen und durchschnittlichen bis schwachen Darstellern herumschlagen, Rains ausgenommen. Er dauert gerade einmal 67 Minuten, da muss es Schlag auf Schlag gehen, die Warner Brothers haben das in den frühen Dreißigern mustergültig vorgemacht. Hier muss man erst eine reichlich konventionelle Exposition (mit, wie gesagt, drei Mal wiederholtem signifikantem Gedicht) über sich ergehen lassen. Vielleicht hat das Neuartige diesen Film besonders schnell altern lassen, wir kennen die Werwolfsgesetze mittlerweile. Es passiert insgesamt eher wenig. Und wie es passiert, ist gelegentlich seltsam. Die Zigeuner brechen in Panik auf, weil ein Werwolf im Lager ist, aber sie haben es jahrelang mit einem einem der Ihren als Werwolf ausgehalten. Der Wolfsmensch tötet einen Totengräber, der ihm nichts getan hat - wenn er schon wahllos tötet, warum rennt er dann erst auf den Friedhof und nimmt sich nicht das erstbeste Opfer in der Wohnung oder Nachbarschaft? Hier geht Ikonographie vor Logik. Dramatisch ist die Anlage der Hauptfigur missglückt und der Schauspieler unpassend. Der Wolfsmensch wird von Lon Chaney Jr. gespielt. Lon Chaney Sr. war berühmt als "Mann mit den tausend Gesichtern", aber dem größtenteils unverwandelt zu sehenden Wolfsmenschen muss wenigstens ein Gesicht gegeben werden. Er kann nicht dauerhaft mit einer Maske identifiziert werden wie etwa Frankensteins Monster. Er fungiert als sympathischer, später tragischer junger Mann und Identifikationsfigur - und das soll Lon Chaney Jr. verkörpern? Er ist eine ziemliche Masse Mensch, neben dem kleinen Claude Rains kaum als dessen Sohn vorstellbar, und wenn er zu Beginn als typischer Hauptrollen-romantic lover etabliert werden soll, fehlt diesem Riesenbaby das Charisma dazu total. Alle anderen mit Ausnahme von Rains erfüllen halbwegs ihren Zweck, mehr aber auch nicht.
Vorschläge, wo man es besser gemacht hat: Aus dem klassischen Universal-Horror-Genre macht es
Frankenstein genau richtig, siehe bereits obigen Vergleich. Desweiteren ist dort die Ästhetik gewagter und innovativer, man muss nur einmal auf die abenteuerliche Architektur achten, auch wenn der Vergleich zu
Das Cabinet des Dr. Caligari , Werner Kraus , Conrad Veidt , REGIE Robert Wiene etwas hochtrabend sein mag. Desweiteren gab es 1944 eine
Jack the Ripper-Adaption als Grenzgänger zwischen Film Noir und gothic horror, die wesentlich mehr an Thrill und Doppelbödigkeit (erzählerisch wie ästhetisch) bieten konnte; hierzu habe ich mich auf spielemagazin.de geäußert. "Der Wolfsmensch" hingegen hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck.