Möchten Sie verkaufen? Hier verkaufen
Der Witwer von Venedig: Roman
 
Größeres Bild
 
Den Verlag informieren!
Ich möchte dieses Buch auf dem Kindle lesen.

Sie haben keinen Kindle? Hier kaufen oder eine gratis Kindle Lese-App herunterladen.

Der Witwer von Venedig: Roman [Taschenbuch]

Gabrielle Wittkop , Claudia Kalscheuer
3.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)

Erhältlich bei diesen Anbietern.


‹  Zurück zur Artikelübersicht

Produktbeschreibungen

Perlentaucher.de

Buchnotiz zu : Die Zeit, 02.10.2002
Eine "schreibende Atheistin", eine "spätberufene große Schriftstellerin": so schüttet Uli Aumüller das Füllhorn des Lobes aus über Autorin und Roman. Begeistert von der Raffinesse dieser "spannende historische Kriminalroman" - es geht um die Ermordung der vier Ehefrauen eines venezianischen Kaufmannes im 18. Jahrhundert - Aumüller deshalb, weil hier, wie er schreibt, "in Wirklichkeit ein ästhetisches Verwirrspiel, ein travestierendes Erotikon" vorliegt. Dabei dienen der klugen Frau die "literarischen Traditionen und Motive" des 18. Jahrhunderts ebenso als "Spielmaterial" wie die Bilder venezianischer Rokokomaler. Venedigs Maskeraden und Heimlichkeiten sind das "Dekor" für das Spiel der "Laster, Morde und Perversionen". Wittkop, die sich offen zu ihrer "Bisexualität", ihrer "Vorliebe fürs Lesbische" und ihren "sadistischen Neigungen" bekennt, so Aumüller, habe eine Art, den Todeskampf der Vergifteten zu schildern, dass im Rezensenten ein "unaussprechlicher Verdacht" aufkeimt - zumal der erste Roman der "schönen und mondänen alten Dame" ausgerechnet "Le Necrophile" hieß. Der Karneval fehlt natürlich auch nicht und ist, verrät Aumüller, Schluss und Höhepunkt eines endlich misslingenden Mordversuchs. Für ihre Übersetzung dieses "sprachlich erlesenen" Werks aus dem Französischen hat Claudia Kalscheuer "hochverdient", so Aumüller, den André-Gide-Preis erhalten.

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

Wittkops Prosa, facettenreich wie ein Insektenauge schillernd, wirkt als Droge: Sie macht süchtig.

Ein furios geschriebenes Porträt des untergehenden Venedigs […] ›Der Witwer von Venedig‹ ist eine Herausforderung an die Sinne.

Kurzbeschreibung

Der venezianische Tuchfabrikant Alvise Lanzi ist zum vierten Mal Witwer geworden. Zufall? Angeblich ist seine letzte Gattin dem Genuß von verdorbenen Muscheln zum Opfer gefallen. Doch auch ihre Vorgängerinnen sind nicht lange an seiner Seite gewesen, alle sind sie unter ungeklärten, grausamen Umständen gestorben. Und obwohl jedesmal eine natürliche Todesursache festgestellt werden kann, kursieren von Anfang an Gerüchte.

Denn im Venedig des ausgehenden 18. Jahrhunderts haben die Wände Ohren und die Schlüssellöcher Augen, Vorhänge bauschen sich, es knarrt das Parkett. Niemandem ist hier zu trauen, nicht einmal den nächsten Verwandten oder gar der Polizei. Intrige, Spionage und Verrat sind die Lieblingsspiele einer Gesellschaft, die nicht nur zum Karneval die Maskerade liebt. Und so löst sich erst ganz zum Schluß, auf dem Höhepunkt des venezianischen Karnevals des Jahres 1797, kurz vor dem Einmarsch Bonapartes, das Rätsel ...

Der Verlag über das Buch

»Wittkops Prosa, facettenreich wie ein Insektenauge schillernd, wirkt als Droge: Sie macht süchtig.« Der Spiegel

»Ein furios geschriebenes Porträt des untergehenden Venedigs […] ›Der Witwer von Venedig‹ ist eine Herausforderung an die Sinne.« Felicitas von Lovenberg in der ›Frankfurter Allgemeinen Zeitung‹

Über den Autor

Gabrielle Wittkop, geboren 1920 in Nantes, übersiedelte 1946 nach Deutschland, wo sie den übersetzer Justus Franz Wittkop heiratete, den sie im besetzten Paris vor den Nazis versteckt hatte. Gabrielle Wittkop arbeitete als Schriftstellerin, übersetzerin, Journalistin und bildende Künstlerin und schrieb zahlreiche Romane. Auf deutsch erschien von ihr u. a. eine Monografie über E. T. A. Hoffmann. Sie starb 2002 in Frankfurt am Main.

Auszug aus Der Witwer von Venedig. von Gabrielle Wittkop. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Scheppern zusammensacken, bevor sie
ihre Rolle zu Ende gespielt haben, Opfer jenes jähen
Falls, den man den Tod nennt. Es gibt viele Arten
zu sterben. Nach dem Rezept der Catarina Sforza
schleppt sich die Sache mehrere Monate dahin, und
die finale Krisis dauert gewöhnlich zwei Wochen. Ich
führe meine Hände in den Körper der Marionette
und mache mich bereit, einen in jeder Hinsicht spektakulären
Todeskampf darzubieten. Erbrechen und
Durchfälle werden immer heftiger, der Körper ist
eisig, starr, von plötzlichen Zuckungen geschüttelt,
der Puls rast, die Wangen färben sich purpurn. Genau
dies widerfährt Felicita am 2. Dezember 1780.
Zwei Tage später klagt sie, von einer Art Fieber ergriffen,
über heftige Leibschmerzen und behält keinerlei
Nahrung mehr bei sich. Am 6. Dezember geht
es Felicita besser, der fieberhafte Zustand weicht
einer Benommenheit, einer Erschlaffung. Am 7. hat
sie einen starken Migräneanfall und fühlt sich am
nächsten Tag so desorientiert, daß sie eine Tür,
durch die sie gerade gekommen ist, nicht wiederfinden
kann. Sie ist so schwindelig, daß sie stürzt. Am
Abend findet man sie in ihrem Bett zusammengekrümmt.
Am nächsten Tag versucht sie aufzustehen,
erleidet jedoch erneut einen harten Sturz. Man läßt
sie zur Ader. Ihr Atem geht schwer, die Schwindelanfälle
nehmen zu, Felicita phantasiert. Die Haut
über den Wangenknochen, der Nase und den Schläfen
nimmt eine eigenartige Färbung an, als schimmerten
schwarze Flecken durch die Haut. Man denkt

an eine getrüffelte Pute. Am 12. Dezember beginnt
Felicita zu röcheln, und aus Nase und Mund tritt rötlicher
Schaum. Im Morgengrauen des 15. stirbt sie
mit einem lauten Schrei.
Diesmal wird die Genehmigung zur Bestattung
erst nach der Autopsie erteilt werden. Der Saal, auf
der Rückseite der Mendicanti in der Nähe der Küchen
gelegen, ist milchiggrün wie ein blindes Auge.
Wegen des Geruchs setzen die Pathologen wieder
die alte Schnabelmaske der Ärzte auf, die einst vorgaben,
die Pestkranken zu heilen. Neben dem Tisch
hält ein Diener Fackeln hoch. Wieder Schlächtereigestank,
wie bei der Geburt. Gleich einem schweren
Schmuckstück aus blauem, pelzverziertem Lack spaziert
eine Fliege über Felicitas Arm.
Das Gesicht fehlt, verdeckt von der bleichen, ledrigen
Maske der Kopfhaut, noch von ein paar Haarsträhnen
gesäumt, die der Anatom mit dem Rabenschnabel
bis zum Kinn heruntergeklappt hat. In
aufgesägtem Zustand ist der Schädel ein Gehäuse wie
jedes andere. Das Fleisch ist schlaff und marmorn
zugleich, seltsam kompakt und erstarrt, wie plötzlich
erkaltetes Fett. Die Haut, als wäre sie voll Wasser, bekleidet
die Hände mit schweren Falten, Füße und
Beine sind fleckig und aufgeschwemmt. Jeder Tod ist
undurchsichtig und anonym, mit irgend etwas Armseligem,
einer rettungslosen Bedürftigkeit behaftet.
Die graue Masse des Gehirns, glatt, aber schnörkelig
wie eine chinesische Specksteinskulptur, liegt in
einer Schale. Guten Appetit. Der Brustkorb, feucht,
rosig, ist ausgeweidet, klaffende Höhle, aufgedehnter

Spalt, spöttische Replik der erschlafften Vulva, die aus
Nachlässigkeit bloßliegt und gähnend offensteht unter
dem gewölbten Schamhügel, zwei stupide, vertikale
Mäuler, simultan aufgeklappt. Da liegt sie also,
Venus libitinae, venenös, voll von Ptomainen, Brustund
Bauchraum ausgestopft mit Sägespänen, die das
rosa Blut, den hämatischen Krätzer aufgesogen haben.
Sie bilden einen Wildrosenteppich, die Sägespäne,
ein rosenholzfarbenes Fell, Holzspäne, die das
rosa Blut trinken. Hier ist der Sitz des stärksten Geruchs,
hier möchte die Fliege sich niederlassen. Aber
warum mit solcher Besessenheit über dieses Geschlinge
reden? . . . Einfach weil es in uns ist, Tag und
Nacht.
Die Autopsie ergibt hämorrhagische Ergüsse zwischen
Pia mater und Dura mater sowie im Bereich
des verlängerten Marks. Der Magen ist spongiös,
putrid, aber es sind keinerlei toxische Substanzen
darin zu entdecken. Man folgert, daß die Blutungen
von den Stürzen verursacht wurden. Einmal mehr
sind die Ärzte ratlos.
Indessen verschärft die Justiz ihre Überwachung.
Piero Trapassi trägt eine Perücke à l’Oiseau Royal,
einen kornblumenblauen Anzug im englischen Stil.
Zwei Sbirren haben seinen Muff untersucht, seine
Brieftaschen und seine Tabakdose überprüft, während
er, sehr blaß, den Anweisungen des Mannes
in Schwarz zuhört. Der Bericht soll alle zwei Tage
geliefert werden. (Die der anderen hingegen fast wöchentlich.) -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

‹  Zurück zur Artikelübersicht