Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Konsequenzen daraus sind einfach, aber brutal: Erstens, Witwen wollen sich nicht erinnern, und zweitens: Witwen stinken. Und natürlich hängt Letzteres mit Ersterem zusammen. Und zwar ganz konkret: "Wenn sich die Witwe zu ihrem Mangel bekennt, geschieht das Unerwartete: Sie stinkt nicht mehr."
Aber bis dahin ist es ein weiter Weg. Denn "die Sprache der Witwen ist eine Fremdsprache, und wer Witwen trösten will, muss diese Sprache erlernen. Es ist ein Sprung über zwei Generationen. Es ist auch ein Sprung in eine andere Lebensform: in die Lebensform des Mangel-Habens. Mangel wird in den meisten Fällen nur indirekt ausgedrückt, und diese Ausdrucksweise muss man verstehen können".
Wir, die Leser, werden also Zeugen, wie Jan Oltrogge diese Fremdsprache -- anfangs zögerlich, später mit kühler Leidenschaft -- erlernt. Und wir lernen mit ihm, dass Witwentrösten eine Berufung ist -- aber auch "ein Beruf, in dem man immer ein Anfänger bleibt", weil jede Witwe den Witwentröster vor neue Anforderungen stellt. "Witwentrösten ist eine Sache fürs Leben, keine Arbeit auf Zeit."
Klingt nach schwerer Kost? Irrtum. Marc Wortmanns Debütroman ist mit äußerst leichter Hand und einem guten Gespür für erzählerischen Rhythmus geschrieben. Dass Jan Oltrogge als Person merkwürdig fahl bleibt und von ihm immer nur als dem "Witwentröster" die Rede ist, hat natürlich Methode. Je mehr Jan Oltrogge als Person ungreifbar wird, umso verständlicher wird die Unbedingtheit, mit der er seiner Berufung nachgeht, ja: ihr geradezu erliegt. Aber auch die Hybris, die seinem Unterfangen innewohnt. Dasselbe gilt für die fast manieriert wirkende Penetranz, mit der die Wörter "Witwe" und "Witwentröster" verwendet werden: Der Ernst des Lebens im Altenheim ist ein Spiel mit klar verteilten Rollen. Und Herr Oltrogge kein Idealist, sondern ein Spieler, der Ernst macht.
Auf dieses Buch habe ich beinahe 15 Jahre gewartet. Und ich behaupte mal: Für jeden, der als 19-Jähriger (mit den entsprechenden Begleiterscheinungen) 13, 15 oder gar 20 Monate Dienst an alten Menschen verrichtet hat, wird die Lektüre ein kathartisches, wenn nicht therapeutisches Erlebnis sein. Wir haben die Generation, die sich nicht erinnern wollte, zu knacken versucht. Gelegentlich haben wir darüber unsere eigentlichen Pflichten vernachlässigt (jeden Patienten höchstens fünf Minuten füttern!) oder uns generell doof angestellt. Aber wir haben etwas gelernt. Fürs Leben, wie man so sagt. Marc Wortmanns Roman ist eine späte Genugtuung für die Generation der Zuvieldienstleistenden der späten Achtziger, die sich damals noch Drückeberger nennen lassen mussten. --Axel Henrici
Pressestimmen
"Allein unter 60 Frauen: Marc Wortmann ist mit seinem so boshaften wie liebevollen Porträt eines Zivildienstleistenden ein Glanzstück gelungen. Racheengel, Verführer, Inquisitor und Liebhaber - der Witwentröster zieht alle Register. Ein großartiges Buch." (Karen Duve)
Kurzbeschreibung
Kein Ort, an dem man Abenteuer erwartet: die Luisenstiftung, ein Frauen-Altersheim in Altona. Aber was Jan Oltrogge, der Witwentröster, zu erzählen hat, ist außergewöhnlich und spannend: seine besessene Suche nach dem Geheimnis der Witwen. Seine Diagnosen sind fragwürdig, seine Maßnahmen sind drastisch und stehen quer zu allen Pflegeplänen. Und natürlich stößt er auf Widerstand: Die Schwestern sitzen ihm im Nacken und pochen auf Erfüllung des Arbeitspensums, die Angehörigen benutzen ihn, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Ganz auf sich gestellt, verfolgt Jan sein geheimes Programm. Bald zeigen sich die ersten Erfolge: Die Witwen beginnen, sich zu erinnern - und wieder zu leben. Doch dann kommt das Sommerfest, und Jan verliert die Kontrolle über das Geschehen.
Marc Wortmanns eindrucksvolles Romandebüt erzählt drastisch und unterhaltsam von einer Generation, die nicht ohne Grund vergesslich geworden ist, und von einem Helden, der die Geister nicht mehr loswird, die er rief.
Der Verlag über das Buch
Autorenportrait
Auszug aus Der Witwentröster. von Marc Wortmann. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich sagte dazu erst einmal nichts (ich weiß noch, ich nickte höflich mit dem Kopf und fühlte mich ein bisschen eingeschüchtert - auch später sollte es der Witwe Piehl immer wieder gelingen, mich einzuschüchtern), aber als wir weitergingen, sagte ich zu Schwester Sabine: Was meint die denn damit: Witwe, Witwe? Sagt sie das immer?
Schwester Sabine sagte: Das ist doch ganz klar. Sie hat zwei Ehemänner überlebt, und deshalb ist sie jetzt zweifache Witwe.
Ich sagte: Ja, schön, das habe ich mir schon gedacht. Aber warum erwähnt sie es? Es klingt ja wie ein Doktortitel oder so.
Sie ist wahrscheinlich stolz darauf, sagte Schwester Sabine. Das heißt doch, sie hat viel erlebt - oder sie hat ihre Männer eigenhändig um die Ecke gebracht."