Kurzbeschreibung
Der Autor über sein Buch
Bei der vorliegenden 2. Auflage von "Der Winzer Band I - Weinbau" handelt es sich im Vergleich zu der Erstauflage aus dem Jahr 1986 um ein weitgehend neu gestaltetes Buch, das den zwischenzeitlichen Veränderungen Rechnung trägt. Sämtliche bereits in der 1. Auflage enthaltenen Themenbereiche wurden überarbeitet und zum überwiegenden Teil neu gestaltet und erweitert. Zusätzliche, in der Erstauflage nicht enthaltene Themenbereiche, wie Bodenkunde, Rebenernährung, Weinbautechnik u. a., wurden eingefügt. Das Buch umfasst jetzt das komplette Spektrum der in der Grundstufe und Fachstufe der Berufsschule zu vermittelnden weinbaulichen Lerninhalte. Die schulische Ausbildung der Winzer ist so strukturiert, daß in der Berufsschule fast alle Aspekte der weinbaulichen Produktionstechnik in ihren Grundzügen behandelt werden. In der Fachschule I (Wirtschafterausbildung) und Fachschule II (Technikerausbildung) wird auf dem vorhandenen Wissen aufgebaut. Der Unterricht der Fachschule erstreckt sich nur zum geringen Teil auf völlig neue Lerninhalte. Vielmehr werden die Grundkenntnisse praxisorientiert erweitert und vertieft. Ein Lehrbuch, das vorrangig die Vermittlung weinbaulicher Grundlagen im Auge hat, unterscheidet sich demnach hinsichtlich der Breite der zu behandelnden Themengebiete nur unwesentlich von einem Lehrbuch für Fach- oder Fachhochschulen. Die Unterschiede ergeben sich vielmehr in der Art der Darstellung und in der Tiefe der vermittelten Kenntnisse. Das Buch ist nicht als unterrichtsbegleitendes Arbeitsbuch im methodischen Sinne konzipiert. Es ist vielmehr so ausgelegt, daß es speziell in der Berufsschule, aber auch in der Fachschule, im inhaltlichen Sinne unterrichtsunterstützend und -vertiefend eingesetzt werden kann. Es ist auch für Schüler höherer Schulen geeignet, die sich die Grundlagen des
Weinbaus ins Gedächtnis rufen wollen. Aufgrund der tiefgehenden Gliederung ist das Buch auch als Nachschlagewerk für alle grundlegenden weinbaulichen Fragen geeignet. Auch jedem Winzer und anderen weinbaulich Interessierten wird die volle Breite der weinbaulichen Grundkenntnisse in knapper verständlicher Form dargeboten, so daß das Werk sicherlich auch außerhalb der Schule seine Leser finden wird.
Bad Kreuznach, im Sommer 1999 Edgar Müller
Über den Autor
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die mittlere Internodienlänge, die Triebstärke, die Blattgröße und die Intensität des Blattgrüns sind Kriterien zur Beurteilung der Wuchskraft. Man muss jedoch wissen, dass auch die Sorteneigenschaften auf diese Merkmale einen Einfluss ausüben. So zeigt z.B. Kerner besonders tiefgrüne Blätter oder Dornfelder besonders lange Internodien. Wenn man jedoch erkennt, um welche Sorte es sich handelt und welche diesbezüglichen Eigenschaften die Sorte hat, sind die vorgenannten Kriterien gut geeignet, um die Wuchskraft einer Anlage zu beurteilen. Sie ist in vielfacher Hinsicht von großer Bedeutung:
- In starkwüchsigen Anlagen ist der Aufwand für Laubarbeiten erhöht. Das Risiko für pilzliche Erkrankungen steigt aufgrund dichter Laubwandstrukturen und weichem Zellgewebe. Abgesehen von blüteempfindlichen Sorten, die mit verstärkter Verrieselung reagieren können, kommt es zu schweren kompakten Trauben mit dicken Beeren und somit auch zu hohen Erträgen. Die Gefährdung der Trauben durch Sauerfäule (vgl. Kap. 16.6.6) ist stark erhöht. Seneszenzprozesse und damit auch die physiologische Traubenreife sind verzögert. Somit besteht ein großes Risiko, physiologisch unreife sauerfaule Trauben vorzeitig lesen zu müssen. Zu den önologisch ohnehin großen Problem des botrytisbelasteten Leseguts kommen unreife Aromen, Bitternoten aufgrund unzureichender Phenolreife, geringe Farbstoffgehalte bei roten Sorten, geringer Gehalt an hefeverwertbarem Stickstoff und erhöhtes UTA-Risiko. Die Mostgewichte sind wegen des hohen Ertrags und ineffektiven Assimilatverbrauchs durch lange wachsende Triebspitzen vermindert und die Säurewerte erhöht.
- Sehr schwachwüchsige Anlagen altern schneller und ermöglichen keine optimale Mostgewichtsleistung, da das BFV zumeist nicht ausreicht (vgl. Kap. 12.1.2). Die Stöcke stehen unter akutem Stress, was ebenfalls die Gefahr von Gärstörungen durch einen Mangel an hefeverwertbarem Stickstoff sowie das UTA-Risiko erhöht. Allerdings bleiben die meist gut besonnten und lockeren Trauben sehr lange gesund, so dass eine späte Lese bei hoher Reife möglich ist. Dies kann die vorgenannten Probleme reduzieren. Die Beeren bleiben dünn, die Farbstoff- und Phenolgehalte sind erhöht, die Säuregehalte niedrig.
Insgesamt lässt sich feststellen, dass sowohl für Rot- als auch Weißwein die Wuchskraft im mittleren Bereich liegen sollte, wobei sie bei Rotwein tendenziell etwas niedriger sein darf. Bei Rotwein wirkt sich eine mäßige Stresssituation und -im Falle sehr niedriger (!) Erträge- sogar starker Stress in der Reifephase positiv auf die Weinqualität aus. Bei weißen Trauben hingegen sollte das Stressniveau gering bis moderat sein. Luxuskonsum an Wasser und Nährstoffen in Verbindung mit üppiger Wuchskraft ist sowohl für weiße wie rote Trauben nachteilig.
Die Realisierung einer mittleren Wuchskraft und die Regulierung des Stressniveaus, unter dem die Trauben heranreifen, sind somit zentrale und äußerst wichtige Elemente bei den Bemühungen zur Erzeugung hochwertiger Weine. Die Gesamtheit aller Maßnahmen, die diesem Zweck dienen, wird auch als Bestandsführung bezeichnet. Die wichtigsten Gestaltungselemente in diesem Zusammenhang sind die Unterlagenwahl, die Standraumgestaltung, das Anschnittniveau (Augen/m²), die Bodenpflege und N-Düngung.
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