Niemand sonst hat derzeit einen fundierteren Überblick über die Funktion des Willens gegeben als Tom Amarque mit seinem neuen Buch. Amarque bricht mit der populären Auffassung, Wille habe etwas mit Durchsetzungsvermögen innerhalb unserer Ellenbogengesellschaft zu tun. Wille kann, so Amarque, per definitionem nichts mit egoistischen Neigungen zu tun haben, denn erst wenn das Ego transzendiert ist, und das Selbst zum Vorschein kommt, kann Wille überhaupt erst formuliert werden (weil die existentielle Freiheit nicht durch das Ego oder Fremdsteuerung behindert ist).
Amarque zeigt darüber hinaus, dass es neben dem populären Willensbegriff auch philosophische Vorstellungen gab; so wurde seit Platon der Wille als eine Kraft betrachtet, die die Entwicklungsprozesse des Menschen beschreibe und auch die Evolution der gesamten Gattung, wie es später Arthur Schopenhauer aufgriff, ausdrücke. Wille ist bei Amarque »die Fähigkeit einer bestimmten psychischen, post-konventionell genannten Entwicklungsstufe«, die darin sichtbar wird, die eigene »Evolution selbst und zielgerichtet zu steuern«. Weiter heißt es bei Amarque, dass dieses Steuern nur deshalb möglich ist, »weil Wille essentiell nichts anderes darstellt als die langfristige Selektion von Ereignissen anhand eines frei gewählten Horizontes. [M]ithin also der Horizont, an dem wir unsere Verhaltensweisen ausrichten.« Die Verbindung von selbsttätigem Handeln, Verhalten und dem Willen wird hier sehr anschaulich und deutlich gemacht. Das Buch ist ein wirklicher Gewinn. Es zeigt vorallem auch die »Nebenprodukte« des Willens, hierzu zählen an erster Stelle Liebe, sozialer Umgang und spirituelle (nicht im marktesoterischem Sinne) Evolution.
Wille bei Amarque zeigt also, dass das Selbst »de facto« frei ist, und nicht umhin kommt, diese Freiheit existentiell zu akzeptieren, sie dort zu erstreben, wo Unfreiheit herrscht, und sich ihr voll und ganz hinzugeben. Hingabe (analog: Liebe) will hier als das Hingebenkönnen an die Freiheit verstanden werden.
»Der Mensch ist nicht potentiell frei. Er ist de facto frei.« (Tom Amarque)