Vorwort:
Erkenntnisinteresse ist Frage nach den Gründen für den Aufstieg des Westens seit 1500 (Rasselas' Frage: 'Wodurch ' sind die Europäer so mächtig geworden?'. S. 41) und nach den prägenden Grundlagen der westlichen Zivilisation, wobei die westliche Vormachtstellung bereits ihren Höhepunkt überschritten hat. In der aktuellen Finanzkrise und dem Aufstieg Chinas sieht Ferguson Anzeichen für den Niedergang des Westens und des 'nie proklamierten amerikanischen Imperiums'. (S. 9 bzw. S. 51), die westliche Zivilisation sieht er bedroht, da ethische Grundlagen verloren gingen.
In den folgenden sechs Hauptkapiteln werden dann sechs Gründe ' sog. Killer-Applikationen - für den 'Aufstieg unserer Zivilisation' in zumeist vergleichenden Darstellungen herausgearbeitet und mit historischen Daten belegt bzw. illustriert:
Zentraler Faktor ist die Dynamik des Wettbewerbs, der im 'bunten Flickenteppich Europas' (S. 85)
Anstrengungen und Expansion bewirkt, während das Großreich China sein Herrschaftsgebiet vor allem vor äußeren Gefahren zu schützen versucht.
Wissenschaftlicher Fortschritt ' sowohl bei Erfindungen für Wirtschaft und Kriegsführung als auch in den Staatslehren der Aufklärung ' ist die Grundlage für Staaten/Zivilisationen, die sich behaupten bzw. durchsetzen wollen. Reformation und Staatsführung mit Vernunft und Toleranz führen zum Aufstieg, während wissenschaftlicher Stillstand zum Niedergang führt. (Beispiele: Aufstieg Preußens bzw. Ende des Osmanischen Reiches, erst mit der Reformpolitik von Kemal Atatürk wird eine Wende eingeleitet).
Im dritten Hauptkapitel werden die unterschiedlichen Methoden der Eroberung und Kolonialisierung von Nord- bzw. Südamerika durch Engländer und Spanier beschrieben. Den nachhaltigen Erfolg des nordamerikanischen Modells für die westliche Zivilisation sieht Ferguson ' theoretisch untermauert durch die Staatslehre von John Locke - in der Gewährleistung des Privateigentums für die englischen Siedler, verbunden mit entsprechenden Konsequenzen für die Staatsform, die allerdings noch lange Zeit die Sklaverei für legitim hielt. (S. 202)
Das umfangreiche Kapitel zum Faktor Medizin bezieht sich meist auf Beispiele aus der Epoche des Imperialismus und will zeigen, wie es durch medizinischen Fortschritt gelang, die Lebenserwartung der Menschen in Europa und den Kolonien zu erhöhen. Die Arbeit der Tropenärzte in Deutsch-Südwest-Afrika in Verbindung mit dem Überlegenheitsdenken der weißen Kolonialherren führt zur Entwicklung von Rassetheorien, die Kombination mit dem Sozialdarwinismus in die NS-Rassenlehre münden. (S. 284) Neben dieser - für den deutschen Leser eventuell überraschenden Entwicklungslinie ' stellt Ferguson in diesem Kapitel auch den Verlauf der Französischen Revolution und weiterer Revolutionen des 19. Jahrhunderts kurz dar, wobei vor allem die 'verheerende Gewalt des Krieges' (S. 240ff.) betont. Trotz hoher Opferzahlen der Kolonialarmeen im Ersten Weltkrieg sieht Ferguson hier auch den zivilisatorischen Aspekt, dass den Soldaten aus Afrika die Chance geboten wurde, z.B. die französische Staatsbürgerschaft zu erlangen. 'Der Krieg kann jedoch auch den menschlichen Fortschritt fördern.' (S. 283) Ferguson führt hier Bluttransfusionen und Tetanus-Impfung als Beispiel für diese schwergewichtige Aussage an.
Insgesamt ist dieses vierte Kapital zur 'Killer-Applikation Medizin' nicht überzeugend. Im Rahmen seiner letztlich chronologisch angeordneten Darstellung der sechs Kapitel soll hier das 'lange 19. Jahrhundert' von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg dargestellt werden, wobei die Medizin als Obergriff für verschiedenste positive und negative Elemente (Revolution, Gewalt, Imperialismus, Kolonialherrschaft, erhöhte Lebenserwartung, Rassentheorien, Impfungen) gewählt wird.
Das Kapitel 'Konsum' bietet eine Sammlung von 200 Jahren Wirtschaftsgeschichte zumeist am Beispiel der Textilindustrie, wobei anhand der 'Jeans-Revolution' (S. 358) gezeigt wird, wie sich die westliche Zivilisation auch in einer Vereinheitlichung der Kleidung durchsetzt.
Der Durchbruch der Industriellen Revolution in England wird dabei recht einfach nach dem komparativen Kostenvorteil nach Ricardo auf zwei Gründe reduziert: hohe Reallöhne der Arbeiter und leicht abbaubar Kohle. 'In Großbritanien war es sinnvoller als irgendwo sonst, teuere menschliche Arbeiter durch Maschinen zu ersetzen, die durch billige Kohle angetrieben wurden.' (S.306)
Die von Karl Marx vorhergesagte Verelendung der Arbeiterklasse wird dann aber zum einen durch Politik der Nationalstaaten, z. B. Bismarck Sozialgesetzung, vermieden; zum anderen dadurch, dass der auch als Konsumenten wichtige Arbeiterschaft höhere Einkommen zugestanden werden.
Allerdings beschränkt sich die ökonomische Analyse der sich herausbildenden kapitalistischen Weltwirtschaft auf diese Binsen-Wahrheiten, der Trend zur Vereinheitlichung der Kleidung scheint für Ferguson das bedeutendere Thema zu sein. Auf vielen Seiten hat er Beschreibungen über den Siegeszug der Singer-Nähmaschine und der Durchsetzung des westlichen Kleidungsstils in Japan als Illustration eingefügt. Nachdem dank Keynes auch die Weltwirtschaftskrise überstanden wurde, war der Siegeszug des amerikanischen Konsummodells nicht mehr aufzuhalten, da Kommunismus und Nationalsozialismus ungeeignet waren, die Verbraucherwünsche zu befriedigen. (S. 352)
Die Würdigung von Wettbewerb und Eigentum in den ersten Kapiteln lassen den politischen Standpunkt von N. Ferguson erahnen, wobei manche Aussagen und Wertungen aber gängige britische Pauschalisierungen bieten: 'Nach Osten hin konnte fast nichts die bolschewistische Epidemie stoppen.' (S. 340) 'Der Daseinszweck der SS und des Nationalsozialismus insgesamt war die Zerstörung und nicht der Konsum.' (S. 347) Auch mag es für manchen deutschen Leser neu sein, dass die Metzinger Firma Hugo Boss die SS-Uniformen mit ihrer 'düsteren Eleganz' entworfen und produziert hat. Wenn Ferguson diese Information noch mit dem Satz kommentiert, 'Dies war sicherlich der Höhepunkt des faschistischem Modestils.' (S. 347), so hat er seine leitende Fragestellung seines Buches schon längst aus den Augen verloren und präsentiert einfach nur sein fleißig gesammeltes Datenmaterial. Auf den abschließenden fünf Seiten zur Killer-Applikation 'Konsum' stellt er die Kopftuch- bzw. Schleierfrage in der Türkei mit einem langen Koran-Zitat dar.
Unter der Überschrift 'Arbeit' gibt Ferguson die bekannte These von Max Weber wieder, dass die protestantische Arbeitsethik ein wesentlicher Faktor für den Erfolg des kapitalistischen Systems war, wobei N. Ferguson vor allem die Aspekte Sparsamkeit und Alphabetisierung bzw. Bildung hervorhebt. Vor allem in den USA mit der im Vergleich zu Europa wesentlich bedeutendenen Religiosität und Vielzahl konkurrierenden Kirchen scheint diese 'protestantische Ethik' noch vorhanden.
'Die Europäer sind heute die Faulpelze der Welt.' (S. 393) Sie ''arbeiten nicht nur weniger, sie beten auch weniger.' (S. 395) Allerdings haben Europäer und Amerikaner, die Konsumenten als auch die Staaten' dasselbe Problem, das zu den aktuellen Finanzkrisen führt: 'Kapitalismus ohne Sparen.' (S.409) Dagegen entdeckten Südkoreaner und Chinesen die Wertebasis des Christentums für ihre aufstrebende Wirtschaft, wozu Ferguson einige Zitate und Belege anführt.
So endet das Kapitel mit einer starken Dosis von Kulturpessimismus bzw. Untergangsstimmung wie es auch die Zwischenüberschriften 'Die Länder des Unglaubens' und 'Naht das Ende aller Tage' zeigen.
'Wir laufen Gefahr, am Ende nur noch eine hohle Konsumgesellschaft und eine Kultur des Relativismus zu besitzen '.' (S. 424), '..tatsächlich werden die Grundwerte der westlichen Zivilisation durch die Art von Islam direkt und tödlich bedroht '' (S. 426). Migrationsströme und Klimawandel (S.431) können vielleicht zu einem erstaulich raschen Zusammenbruch der westlichen Zivilisation führen.
In seiner Schlussbetrachtung referiert Ferguson verschiedene Theorien von Zivilisationszyklen und wiederholt die sechs Faktoren (sog. Killer-Applikationen)(S. 449/450), die den 'Schlüssel zum Aufbruch des Westens' bildeten und nun teilweise und sehr erfolgreich von China 'kopiert' werden. Eine Gewichtigung dieser Faktoren wird jedoch nicht geleistet, letzlich bleiben die sechs Hauptkapitel unverbunden stehen, während er sich in seinem Schlussteil der aktuellen Diskussion um die Rivalität zwischen China und den USA widmet.
Ein möglicher Zusammenbruch des komplexen Systems der westlichen Wirtschaft bzw. Zivilisation bzw. eine Niederlage im 'Kampf der Kulturen' nach S. Huntington kann nach Ferguson vor allem von Kriegen bzw. Finanzkrisen verursacht werden (S. 454). Die USA könnten gezwungen sein, massiv ihre Militärausgaben zu kürzen und dadurch ihre Machtbasis zu schwächen. Es könnte zum Verfall der Leitwährung Dollar und zum Währungskrieg kommen oder USA können immer stärker zum Schuldner Chinas werden und damit zu den 'vereinigten Wirtschaften' von 'Chimerika'. (S. 463) Abschließend vergleicht Ferguson verschiedene wirtschaftspolitische Strategien, aber auch politische Schwachstellen Chinas. Der Westen erlebt seiner Meinung nach das Ende seiner 500-jährigen Vorherrschaft (S.
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