Wer noch nichts über Biodiversität und Soziobiologie weiß, und in das Thema einsteigen will, ist mit diesem gut geschriebenen, liebevoll gemachten und gründlich recherchierten Buch bestens bedient. Man kann auch sein Wissen über Biologie damit auffrischen. Durch dieses Buch weiß ich endlich, daß es sich doch gelohnt hat, sich mal in der Schule in Bio mit Taxonometrie und Genetik herumgequält zu haben. Das Ganze ist Teil eines größeren Zusammenhanges, der sich vor etwa 20 Jahren zu neuen Forschungszweigen herauskristallisiert hat.
Edward O. Wilson ist Wissenschaftler und selbst Pionier der Erforschung um die Vielfalt der Arten und hat wichtige Gesetzmäßigkeiten entdeckt: Zusammenhänge zwischen der flächenmäßigen Größe einer abgegrenzten Biogesellschaft und der Anzahl an verschiedenen Arten, die darin Platz finden. Mit großem Engagement und Detailwissen beschreibt Wilson zuerst die Phänomene und Entstehung der verschiedenen Arten sowie die kreativen, höchst originellen Wege, die die Natur hier geht. Er zeigt uns Einblicke in die Werkstatt der Evolution. Das Buch kann die Liebe zur Natur wecken und die Augen für neue Zusammenhänge öffnen, denn man spürt beim Lesen, wie sehr Wilson innerlich beteiligt und von der Thematik begeistert ist.
Ich empfehle das Buch auch als Anregung für den Trekkie. Wer weiß schon, daß es auf diesem Planeten noch eine gewaltige Menge unentdeckter Spezies in kaum erforschten Welten gibt, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Das kann die Tiefsee sein, in der riesige Tiere leben, über die wir so gut wie nichts wissen und wo bizarre unentdeckte Lebewesen auf uns warten. Es kann aber auch eine noch unbekannte Pflanzenart sein, auf der wiederum hochspezialisierte Insekten, Pilze und Bakterien leben, die nur dort gedeihen können. Da wachsen noch unerforschte hochwirksame Heilmittel im Regenwald - und Leute, das ist hier und heute und KEIN Science Fiction!
An dem Buch ist besonders gut, daß zahlreiche Abbildungen, Fotos und Graphiken in den Text eingearbeitet sind und zwar genau dort wo der Textfluß die abgebildeten Themen gerade behandelt. Das kommt insbesondere bei wissenschaftlichen Büchern selten vor, und ich finde, man kann das gar nicht genug loben. Manchmal sagt ein Bild eben mehr als tausend Worte und es ist viel einfacher, auf einen Blick in einem guten Bild zu erfassen, wie sich die Maulform der Buntbarsche im Victoriasee auseinanderentwickelte, oder was es mit der Radiation von Säugetieren auf sich hat, als dies mühsam nur zu beschreiben. Die Abbildungen sind obendrein liebevoll gemacht, ein richtiger Augenschmaus. Sogar ein kleiner Abstecher in die Kunst wird gewagt.
Schön finde ich auch, daß Wilson nicht bei dem (leider unvermeidlichen) mahnend erhobenen Zeigefinger bleibt, der uns vor der Umweltzerstörung und dem damit einhergehenden Artensterben warnt, sondern daß das Buch auch konstruktive Lösungswege für die brennendsten Probleme aufzeigt. Zum Beispiel, daß ein bitterarmer Bauern in Südamerika, der den Regenwald abholzt, um sich und seine Familie durchzubringen, davon nicht mit Ermahnungen und Verboten abgehalten werden kann. Man muß hier den Menschen schon ökonomisch brauchbare Alternativen anbieten und die werden hier teilweise richtig aufgelistet und durchgerechnet. Man kriegt richtig Appetit auf Amarant und Goa-Bohnen, Wasserschwein und Baumhuhn.
Fazit: ein tolles Buch, das einen Ehrenplatz im Bücherschrank verdient.