"Der Wendepunkt" ist aufgrund seiner Fülle an Einblicke und Informationen über das Deutschland, und später fast über die gesamte westliche Welt, von 1906 bis 1945 unentbehrlich für jeden Leser. Es fängt schon überaus interessant an, mit einem Diskurs über die Kindheit der Mann-Brüder Heinrich und Thomas, geht dann weiter über die Anfangsphase der Beziehung zwischen Thomas und Katia Mann und endet dann mit der Geburt von Klaus. Nun beginnt eine farbenprächtige Geschichte, beginnend mit der Kindheit im Hause Mann, der Mutter die die Geschicke im Hause leitet, der Vater der sich eher aus allem raushält und arbeitet, sich nur zwischendurch mal einschaltet. Die Jugend in der schon klar wird, das Klaus Mann der Kunst verfallen ist, er ist nicht so wie Mitschüler und Nachbarskinder. Sehr interessant auch die Beschreibungen der Personen die im Hause Mann ein- und ausgingen wie Gerhart Hauptmann und Stefan Zweig um nur zwei zu nennen. Die ersten Reisen ins Ausland, alles ganz genau beschrieben, man kann es fast schmecken, fühlen, riechen, die ersten Veröffentlichungen, am besten unter anderem Namen, um nicht im Schatten des Vaters zu stehen. Dann irgendwann das Exil. Vielleicht der interessanteste Teil dieser Autobiographie, denn Klaus Mann beschreibt derart lebendig das Leben der Exilanten, der Künstler und Intellektuellen aus aller Welt, das man meint dabeigewesen zu sein. Überaus aufschlussreich seine kleinen Anekdoten zu Sinclair Lewis, Upton Sinclair, Andre Gide, Carson McCullers, Thomas Wolfe, Emil Jannings, Greta Garbo, Richard Strauss u.v.a. Diese Liste ist so lang, dass man meinen könnte Klaus Mann kannte sie alle! Zu Beginn der 30er Jahre startet dann leider die grosse Suizid-Welle in den Intellektuellen Kreisen und somit auch in dem Freundeskreis Klaus Manns, was diesen natürlich stark berührt und auch bei ihm erwachen Zweifel über sein Fortleben. Deutlich erkennbar ist auch die Hinwendung zur Politik. Anfangs ist er noch der unbeschwerte junge Mann der Spass am Leben hat (kann er auch haben, macht er sich ja keine Gedanken wo das Geld herkommt für die vielen Reisen), doch irgendwann gibt es kaum noch einen Brief, einen Tagebucheintrag (die beiden letzten Kapitel bestehen nur aus solchen) in dem er nicht über politische Themen schreibt.
Dies ist ein Buch von und über jemanden der als Kind den Ersten Weltkrieg mitgemacht hat (in einer fast naiven Kindlichkeit geschrieben, als wäre er tatsächlich erst acht als er es schrieb. Grossartig!), der das große Chaos der 20er Jahre erlebt hat und teilweise recht bissig-ironisch beschreibt, der früh aus Deutschland geflüchtet ist, der immer gegen den Faschismus gekämpft hat, zuerst ausschließlich in schriftlicher Form durch Herausgabe einer Zeitschrift, später dann als Soldat der US-Army, der als Deutscher geboren zu einem Weltbürger mit amerikanischer Staatsangehörigkeit werden wollte (er schrieb in seinen letzten Jahren nur noch auf englisch) und jemand der leider für sich keine Perspektive mehr gesehen hat und dann freiwillig aus dem Leben schied.
Ein Buch, das in keinem Bücherregal fehlen darf, weil es soviel hergibt, in einer Sprache mit der wohl die meisten Geschichtsbücher nicht mithalten können, denke ich.