Aus der Amazon.de-Redaktion
Fast zehn Jahre hat Elke Heidenreich ihre Leser auf neue Geschichten warten lassen. Dass sie seit
Kolonien der Liebe untätig gewesen ist, kann man der Journalistin, Moderatorin,
Kolumnistin,
Kühlschrankpoetin und
Kinderbuchautorin aber wirklich nicht vorwerfen. Und das Warten hat sich gelohnt: Man ist sofort wieder drin in diesem wunderbar leichten Stil, den man einsaugt wie einen süffigen Sommer-Cocktail, und all die kleinen und großen Lebens- und Liebesprobleme der Protagonisten werden durch einem Schuss Tragikomik in absolut strand- und freibadtaugliche Lektüre verwandelt.
"Midlifecrisis" -- von ihr scheinen die meisten Geschichten durchweht: eine Frau, die während der Feier zu ihrer Silberhochzeit inmitten gratulierender Freunde beschließt, sich von ihrem Mann zu trennen; Menschen, die auch nach jeder Menge Lebenserfahrung von der Frage verfolgt werden, was sie eigentlich vom Leben wollen; eine Frau in den Fünfzigern, die feststellen muss, dass sie immer noch kein freundliches Verhältnis zu ihrer alten Mutter findet. Nur in "Ein Sender hat Geburtstag" begegnet uns die Satirikerin Heidenreich und schildert scharfzüngig das geistige und menschliche Elend hinter den schönen Kulissen des Fernsehens.
Unterhaltsam, anrührend, witzig -- und doch hat man das Gefühl, dass diesen Geschichten irgend etwas fehlt, um große Literatur zu sein. Vielleicht steht zu viel in und zu wenig zwischen den Zeilen. Vielleicht macht es die Autorin sich und ihren Lesern manchmal zu einfach, wenn Gefühle eher beschrieben als dargestellt, wenn Erklärungen auf dem Silbertablett serviert werden: "Eine leise Panik breitete sich wie ein Zittern in Alma aus, Panik darüber, was sie aus ihrem so gemütlichen und nett eingerichteten, ihrem angeblich doch so glücklichen Leben noch machen könnte, ehe sie sich selbst ganz und gar verlor."
Das ändert allerdings nichts daran, dass man als Leser nur allzu bereitwillig Der Welt den Rücken kehrt, bis man auch die letzte Seite gelesen hat. --Christian Stahl
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Neue Zürcher Zeitung
Mit dem Filzstift
«Der Welt den Rücken»: Erzählungen von Elke Heidenreich
1992 gelang Elke Heidenreich mit dem Erzählungsband «Kolonien der Liebe» ein Coup: Publikum und Kritik zeigten sich begeistert, allein im ersten halben Jahr wurden gegen 200 000 Exemplare des unprätentiösen, heiter-melancholischen Buches abgesetzt. Bis dahin hatte man die Autorin als Moderatorin beim Südwestfunk und beim ZDF gekannt, als «Brigitte»-Kolumnistin und als Metzgersgattin Else Stratmann: Die Radiorolle der gewitzten Quasselstrippe hatte sie sich dergestalt auf den Leib geschrieben, dass es mitunter schwer fiel, Else und Elke auseinanderzuhalten.
Neun Jahre hat sich die Autorin für ihren zweiten Erzählungsband Zeit gelassen, während sie sich mit Nettigkeiten wie der Katzengeschichte «Nero Corleone» auf den Bestsellerlisten hielt; nun legt sie unter dem Titel «Der Welt den Rücken» sieben neue Geschichten vor. Auf den ersten Blick gleichen sie ihren Vorgängern: Sie sind solid gebaut, auf einen leichten Ton gestimmt, ein bisschen flapsig, ein bisschen ironisch, und abermals geht es um die Liebe. Die inzwischen nicht mehr ganz jungen Achtundsechziger, die im Mief und in der Enge der fünfziger Jahre aufgewachsen sind, haben ihre Identität in der Rebellion gegen die bestehende Ordnung gefunden, ungeachtet dessen, ob sie später Karriere gemacht haben oder versumpft sind oder beides. Nun ziehen sie einzeln oder gemeinsam Bilanz, vergleichen ihre unübersichtlichen Beziehungen, suchen den alten Zauber, schwelgen in Erinnerungen.
Dabei kommt es mitunter zu Überraschungen: In «Silberhochzeit» gehen anlässlich einer kleinen Feier, die im Alkohol ertrinkt, zwei langjährige Beziehungen in die Brüche; in «Die schönsten Jahre» glaubt die Erzählerin eine lesbische Romanze sorgsam vor ihrer Mutter verbergen zu müssen und entdeckt nach dem Tod der eigensinnigen Alten, dass deren Lebensliebe ebenfalls eine Frau war. In der Titelerzählung schliesslich erinnert sich eine Frau an den ersten Mann in ihrem Leben: Als 19-jährige Studentin hat sie sich ganz bewusst einen 16 Jahre älteren, offensichtlich liebeserfahrenen Bundeswehrsoldaten angelacht, um ihr erstes sexuelles Erlebnis nicht mit einem ratlosen Jüngling ihres Alters zu vermasseln. Nach zehn aufregenden Tagen trennen die beiden sich in aller Freundschaft; von der Kubakrise haben sie in ihrem Liebesrausch nichts bemerkt. 27 Jahre später sucht die Protagonistin den Mann nochmals auf. Sie ist inzwischen eine reiche, verheiratete Dame, er ein etwas verkommener Frührentner. Nun will sie ihm gleichsam sein Geschenk von damals zurückgeben und zieht mit ihm für fünf Tage in die Suite eines Nobelhotels, wo die alte Liebesherrlichkeit noch einmal auflebt. Diesmal ist es der Fall der Berliner Mauer, der dem Paar entgeht.
Das klingt konstruiert genug, doch das Problem liegt tiefer. Elke Heidenreich scheint im Bemühen um publikumswirksame Pointen die Geduld zum anschaulichen Schildern verloren zu haben. Meist gibt sie sich mit Allgemeinplätzen und Allerweltsmetaphern zufrieden. «Karl war mein ältester Freund. Wir kannten uns seit der Schulzeit. Wir haben zusammen Bob Dylan gehört und waren zu Lou-Reed-Konzerten getrampt, wir haben uns auf Demos verprügeln lassen und unsere ersten Joints zusammen geraucht» so achtlos schlurft ihre Prosa einher. In der erwähnten Titelgeschichte heisst es: «Sie liebten sich im Bett, auf dem Fussboden, auf dem Küchentisch, in der Badewanne, sie liebten sich im Stehen, unter Bäumen im Wald, sogar in seinem VW, sie liebten sich, sooft er konnte. Sie konnte immer. Und er war ein herrlicher Lehrmeister, er wusste alles, was Männer und Frauen miteinander machen können . . .»: Ausgerechnet diese klapprigen, jeder Sinnlichkeit entbehrenden Sätze sollen dem Leser ein unvergessliches erotisches Erlebnis nahebringen.
Etwas Zweites kommt hinzu. Statt sich um das Evozieren einer Stimmung zu bemühen, fällt Elke Heidenreich sich immer wieder selbst kommentierend ins Wort. «Wir warteten darauf, dass sich etwas veränderte, und ich glaube, dass die Veränderung auch schon oft still mitten unter uns gestanden hatte und wir hatten sie einfach nicht bemerkt und sie war weitergegangen», heisst es etwa am Ende von «Der Tag, als Boris Becker ging», der im übrigen gelungensten Geschichte des Bandes. Nicht nur die unangepassten Protagonisten sind in die Jahre gekommen, auch ihre Sprache ist in Konventionen und Worthülsen erstarrt. Auf Schritt und Tritt begegnet man papierenen Sentenzen: «Das liess mich ihr gegenüber störrisch, kühl, verhärtet sein», «Später sucht man Gleiches, sucht Ruhe, Verstehen, Harmonie, Übereinstimmung. Aber mit siebzehn muss alles neu und anders und unerhört sein», «Letztlich war das Leben ein Rätsel, ein Geheimnis, es war irgendwie unauffindbar . . .»
Es ist, als hätte Elke Heidenreich in einem Aquarell alle Konturen mit Filzstift nachgezogen. Schade.
Manfred Papst
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