Bürgerkrieg im Kopf
Durch ihre Arbeit mit Magersüchtigen gelangte die Psychologin Peggy Claude-Pierre zu der Über-zeugung, dass es eine Art Veranlagung gibt, die bestimmte Menschen für Ess-Störungen anfällig macht. Eine Ess-Störung ist nach ihrer Beobach-tung das Symptom eines tieferliegenden Problems. Die Betroffenen werden von einer „Negativen Inneren Stimme" gequält, von der die ebenfalls vorhandene lebensbejahende Stimme unterjocht und terrorisiert wird. Mit dem Begriff "Negativismus-syndrom" versucht Claude-Pierre, die komplexen Denkprozesse und fixierten Gedankenketten der Erkrankten auf den Punkt bringen.
Entgegen der landläufigen Meinung, dass Mager-süchtige extrem-eitle Möchtegern-Models sind, behauptet Claude-Pierre, dass es gerade sensible, altruistische Menschen sind, die für die Mager-sucht (Anorexie) anfällig sind. Der gefährliche Nährboden für die Krankheit setzt sich zusammen aus einer zunächst lediglich selbstkritischen, unentschlossenen und zweifelnden Haltung und einem seismographischen Gespür für die Bedürf-nisse anderer Menschen und sogar Dinge und einem maßlosen Verantwortungsgefühl.
Vereinfacht ausgedrückt sagt Claude-Pierre, dass viele ihrer Patienten dabei sind, daran zu ver-zweifeln, dass sie nicht alle Probleme lösen können, die sie wahrnehmen. Dieses „Versagen" führt zu einem Gefühl der Wertlosigkeit und zum Wunsch nach Selbstzerstörung. Aus diesem Zusam-menhang wird verständlich, warum sich ehemals liebenswerte, freundliche Menschen plötzlich verletzend und zurückweisend verhalten - sie glauben, nicht liebenswert zu sein und Hilfe nicht beanspruchen zu dürfen, weil sie sie nicht wert seien.
Claude-Pierres therapeutisches Programm beruht gerade deshalb auf bedingungsloser Liebe und der Stärkung des Selbstwertgefühls. Geduld, Freund-lichkeit statt Strafe, Mitgefühl, Phantasie, Eins-zu-eins-Betreuung rund um die Uhr, aber auch medizinische Überwachung sind weitere Kennzeichen der therapeutischen Arbeit in der 1993 gegrün-deten Montreux Klinik in Kanada.
Für indirekt Betroffene und für Menschen mit Ess-Störungen oder anderen Symptomen des „Negativis-mussyndroms" - wie z.B. Platzangst oder Panik-attacken - ist Claude-Pierres Buch sicherlich sehr aufschlußreich und unterstützend auf dem Weg zu einer besseren Beziehung zwischen Arzt und Patient. Vor allem aber für Eltern von Kindern mit einem Hang zum „Negativismussyndrom" dürfte dieses Buch praktische Konsequenzen haben - hier kann ein drohender Ausbruch der Krankheit noch am ehesten verhindert werden, wenn rechtzeitig er-kannt wird, dass zumindest im Fall einer drohen-den Anorexie die vielen guten Ratschläge besorg-ter Beobachter des Geschehens, am Esstisch Stren-ge und Strafandrohung walten zu lassen, genau am falschen Platz sind. Diese Kinder brauchen Liebe, Anerkennung und Verständnis. Auf keinen Fall aber sollte den gefährdeten Kindern zuviel Ver-antwortung aufgebürdet werden.
Die im Buch veröffentlichten Zeichnungen, Gedich-te, Auszüge aus Briefen und persönliche Berichte von Patienten und Patientinnen sind Zeugnisses dieses „Bürgerkriegs im Kopf" (Claude-Pierre).
Claude-Pierre schrieb das Buch in der Hoffnung, daß „irgendein Mensch an irgendeinem Ort daraus Zuversicht zu schöpfen und eine Wendung zum Bessseren einzuleiten vermöge." Dies dürfte ihr gelungen sein.
Denn sie weiß, wovon sie spricht: Sie schreibt nicht nur als Wissenschaftlerin, sondern auch als indirekt Betroffene, denn sie ist Mutter zweier von der Magersucht geheilten Töchter.