Woraus schöpfen Poeten ihre Gabe zur Dichtkunst, was verleiht Genies ihre Einzigartigkeit? Wann schlägt die Sternstunde? Warum erleben viele sie nie? Der profane Geist wird die Antwort im Zusammenwirken aus genetischer Veranlagung, Erziehung, bzw. sozialem wie zeitlichem Umfeld suchen. Der Träumer hingegen folgt dem Bild seiner Visionen, trägt die Qual seiner Seele samt seinen Sehnsüchten nach außen. Er vertraut nicht dem Zufall, sondern folgt weit eher seiner Muse, sei es Frau oder Göttin - oder beiden in einer.
Samuel Taylor Coleridge (1772-1834), Poet und Träumer in Personalunion, trachtet in frühen Jahren als Anhänger der Französischen Revolution nach utopischen Idealen, um diese späterhin enttäuscht gegen eine beschauliche Existenz im landschaftlich schönen, aber intellektuell spießigen Lake District zu tauschen. Er heiratet und gerät beruflich unter die Fittiche von William Wordsworth, seines Zeichens geschätzter wie gelesener Naturromantiker. Doch Coleridge leidet trotz der Idylle zusehends an innerer Atemnot, eingeschnürt in eine Jacke, gestrickt aus biederer Normalität. Literaturgeschichtlich bisher unerforscht, gelingt ihm vom Herbst 1797 bis zu dem des darauffolgenden Jahres der Ausbruch aus der Tristesse. Unwillkürlich überstrahlt er die Mittelmäßigkeit der Verse seines Mentors Wordsworth um tausend Sonnen; sein annus mirabilis, das „wunderbare Jahr" seines Lebens, war angebrochen. Coleridge beginnt die schaurig beeindruckenden Reime des „Ancient Mariner" zu schreiben und verfasst mysteriöse Gedichte wie „Kubla Khan" oder. „Christabel", die aber Fragment bleiben und erst 18 Jahre später vom Dichterkollegen Lord Byron veröffentlich wurden. Denn aus ebenso unerklärlichen Gründen verfällt Coleridge nach seinem Inspirationsschub wieder in den bürgerlichen Trott, setzt seine unglückliche Ehe fort, verliert sich in unerfüllter Liebe zu Sara Hutchinson, der Schwester von Wordsworth' Frau, und spricht immer stärker der Droge Laudanum zu, die seinen Verstand schleichend verwirrt.
An die 200 Jahre später erhält der bequemliche Wiener Professor Alexander Markowitsch, Spezialist für englische Literatur der Romantik, Besuch während seiner Uni-Sprechstunde. Ein Dissertant in Begleitung einer hübschen schlanken Frau mit bleichem Teint und dunklem Haar möchte eine Arbeit über „STC", sprich Samuel Taylor Coleridge, einreichen. Markowitsch nimmt das Dissertationsthema an, nicht zuletzt um die Gefährtin seines Zöglings näher kennen zu lernen. Anna, so ihr Name, reißt den dicken Akademiker alsbald aus seiner Lebenslethargie. Markowitsch wird nicht nur von Sehnsucht zur unerreichbar Scheinenden geplagt, sondern auch durch Visionen eines seltsam bekannt vorkommenden unbekannten Zimmers; Coleridges Zimmer? Immer mehr zieht die charismatische Frau Alexander in ihren Bann. Schlußendlich ist sie es, die ihn dazu bringt, nach England aufzubrechen, seinem Traum buchstäblich nachzugehen, um den mysteriösen Raum zu suchen.
In Britannien angekommen, führt Alexander Markowitsch seine Odyssee von einem Wirkensort des Samuel T. Coleridge zum anderen. Doch alle Räume, in denen der große Romantiker geweilt hatte, gleichen nicht dem Zimmer aus des Professors Vision. Kurz vor dem eingestandenen Scheitern seiner Sinnsuche kehrt Alexander auf der Ash Farm, in Porlock, West Somerset, ein. Dort, im Hause eines kauzigen alten Paares, erkennt er in der Rumpelkammer den Raum aus seinen Träumen. Ein Symbol für die Entrümpelung seines Lebens? Vielleicht. Dem noch nicht genug des scheinbar Unglaublichen; Markowitsch stößt in einem nahegelegenen ehemaligen Flusstal, nun üppig überwuchert, auf die Überreste eines Jahrtausende alten keltischen Heiligtums. Dessen magische Kraft blieb trotz der darüber errichteten Kirche ungebrochen.
Nach kurzer historischer Recherche beginnt Markowitsch die Enden der Einsichtsfäden aufzunehmen und begreift. Zum einen scheint sein Leben in gespenstischer Ähnlichkeit zu dem von Coleridge zu verlaufen. Zum anderen: Life-in-Death, die untote Dämonin aus dem „Ancient Mariner"; Geraldine, die jugendliche Verführerin der „Christabel" und selbst der vermeintlich männliche „Kubla Khan", welcher in seinem Palastgarten Xanadu den Freuden des Lebens zusprach, sind ein und dieselbe Wesenheit in unterschiedlicher Ausformung. Namen hatte SIE im Laufe der Äonen viele, niemand kennt ihren ursprünglichen. SIE - Dana, Morrigan, Cerridwen, ... - ist die Muttergöttin aus uralten Zeiten. Zyklisch wählt sie einen Sterblichen zum „Jahreskönig" und Gefährten. Für zwölf Monate ist es diesem Mann erlaubt, mit ihr die Freuden der Liebe zu teilen wie auch aus dem Kessel der Erkenntnis Tropfen der Inspiration aufzunehmen. Markowitschs unterbewußt gesuchter „Weg nach Xanadu" liegt plötzlich klar vor ihm. Die Palasttore stehen einladend offen. Und er betritt den pleasure dome nicht alleine. Seine Muse, deren Name von vorne wie hinten gelesen dasselbe ergibt, bietet sich verheißend als Begleiterin an.
Wilfried Steiner, Anglistikprofessor, gelang mit „Der Weg nach Xanadu" ein faszinierendes Werk fantastischer Literatur voller Detailfreude zur Mythologie und offenkundiger Sympathie zum seelisch verlorenen Poeten Samuel T. Coleridge. Alexander Markowitsch ist Archetypus für jeden von uns, der den Mut zum Risiko aufbringt, seinen Traum zu leben, seiner Vision zu folgen, die Rumpelkammer zu verlassen und Einlass nach Xanadu zu begehren. Alleine für diese Botschaft gebühren dem Buch fünf Sterne.