Heide Göttner-Abendroth ist Expertin in Matriarchatsforschung. Das vorliegende Buch geht der Frage nach, wie unsere Gesellschaft in eine matriarchalische Organisationsform übergeführt werden kann, von der man sich allerlei Vorteile verspricht. Im Zentrum eines Matriarchats soll die lebensspendende mütterliche Funktion stehen, oder wie
Mersch es ausdrückt: die Reproduktion, nachgelagert dazu dann die Produktion.
Jedes Lebewesen hat in der Natur zwei Grundaufgaben zu lösen:
1. Selbsterhalt (= Leben, Nahrungsbeschaffung, Produktion, Wirtschaft, ...)
2. Fortpflanzung (= Überleben, Reproduktion, Erziehung, Sozialisation, ...)
Im Patriarchat existierte zwischen diesen beiden Hauptaufgaben ein Gleichgewicht: Die Männer erledigten den Hauptteil der Produktion, die Frauen den der Reproduktion. Da die Produktion unmittelbar lebensnotwendig ist, die Reproduktion dagegen nur überlebensnotwendig, entstand hierdurch ein klares Machtgefälle zwischen Männern und Frauen: Frauen waren von ihren Männern ökonomisch abhängig.
Im Rahmen der Gleichberechtigung der Geschlechter, die sich einzig daran orientierte, nun auch verstärkt Frauen der Produktion zuzuführen, damit diese ihre ökonomische Abhängigkeit von Männern verlieren, wurde die gesellschaftliche Reproduktion vollständig entwertet. Typische weibliche Lebensentwürfe mit der zentralen Aufgabe des Lebensspendens (der Reproduktion) wurden hierdurch praktisch verunmöglicht. Dies war kein unerwünschter Nebeneffekt, sondern ganz bewusste feministische Absicht, wie Simone de Beauvoir es einmal in einem Interview deutlich machte.
Wesentlich für Matriachate ist, dass darin wieder die Reproduktion ins Zentrum der gesellschaftlichen Organisation rückt. Die Produktion wäre dann nachgelagert. Sie hätte vor allem die Aufgabe, die Reproduktion entsprechend zu unterstützen.
Die Frage ist nur: Wie erschafft man ein Matriachat, wenn hierdurch tatsächlich eine egalitärere und friedlichere Gesellschaft möglich wäre? Die Autorin beantwortet für mich diese Frage nicht, jedenfalls nicht praktikabel genug. Ein umsetzbares Konzept ist dagegen Merschs Familienmanager-Konzept (
Familie als Beruf), welches tatsächlich als Einstieg in eine matriarchalische Gesellschaftsform verstanden werden könnte.
Daneben diskutiert die Autorin auch allerlei Änderungen im produktiven Bereich (z. B. Tausch statt Geldwirtschaft). Hier scheint sie mir hoffnungslos naiv zu sein. Moderne Technologien auf dem Niveau, wie sie bei uns vorzufinden sind, sind auf der Basis von Tausch nicht machbar. Wenn, dann müsste man quasi mehr oder weniger vollständig aus unserer technologischen Welt aussteigen. Die Gefahren sind nicht unerheblich, denn wer das macht, könnte bei Bedarf genauso abgeschlachtet werden, wie es anderen Naturvölkern (z. B. den nordamerikanischen Indianern) bereits passiert ist.
Offen blieb auch die Frage, wie in reproduktionszentrierten Gesellschaften so etwas wie eine Kontrolle der Bevölkerungsentwicklung möglich sein könnte. Auch dazu hat sich Mersch sehr detailliert geäußert. Die Autorin bleibt hier eine Antwort schuldig.