Seit dem Erscheinen des Buches „Die Unfähigkeit zu trauern" von Alexander und Margarete Mitscherlich sind 30 Jahre vergangen. Das Aufarbeiten von Katastrophen- und Verlusterfahrungen hat auch heute noch - nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene - seine Grenzen. Trauer erscheint meist als „verlorene Zeit" und nicht als Chance, neue Lebenswirklichkeiten zu entdecken. Das vorliegende Buch möchte den „teils bis an den Lebensabgrund führenden Trauerweg" nicht verharmlosen. Es zeigt aber auf, dass es ebenso unmenschlich ist, „der Trauer absprechen zu wollen, daß in ihr nicht nur die Erfahrung des Untergangs, sondern auch des neuen Leben steckt". Die Autoren plädieren deshalb dafür, das Verarbeiten des Verlusts nicht „auf-", sondern „auszulösen". „Trauer ist dann wahrhaftig ein neuer Zugang zum Leben - für alle, die die Auslösung mit aller vorher nicht absehbaren Stärke und Erschütterung zugelassen haben". Zunächst müsse es aber darum gehen, den Verlust - meist den Tod eines nahen Menschen - als Realität anzunehmen. Das vorübergehende Verleugnung des Verlusts könne dabei genauso sinnvoll sein wie eine zeitweise Idealisierung des Verstorbenen. Wichtig sei sensible Begleitung, die den Trauernden beispielsweise mit dem - für einen „fruchtbaren" Trauerprozess oft notwendigen - Anblick des Verstorbenen nicht alleine lasse. Rituale - etwa das Abschiednehmen beim Toten oder die Trauerkleidung - könnten helfen, Gefühle auszudrücken und in Formen zu fassen. Letztlich geht es - so die Autoren - um eine gelungene Integration des Verstorbenen in das eigene Leben, die nicht von der Existenzweise des Habens, sondern von der des Seins geprägt ist. Diese fügt die Erinnerung an den geliebten Menschen konstruktiv-kritisch ins eigene Leben ein: „Ich kann den anderen in mein Sein und mich hineinnehmen, versuchen, das, was ich liebe, zu werden oder zu sein."