Ich bin weder leicht zu beeindrucken, noch leicht zu begeistern.
Nun bin ich sowohl beeindruckt als auch begeistert.
Lange habe ich hin&her überlegt, wie diese Welt, die Miéville erschaffen hat, zu beschreiben ist: vielleicht am ehesten mit "Die Differenzenmaschine" ([Gibson/Sterling] das Informationszeitalter beginnt bereits im viktorianischen England) meets "Shadowrun" (ein SF&F-Rollenspiel mit HiTech, Elfen&Co. und Magie). Ein genaues Einordnen in ein Genre ist nicht leicht, ich würde aber 'gefühlt' zu Fantasy tendieren.
Die Stadt 'New Crobuzon' ist die phantasmagorische Übersteigerung eines süßkindschen Paris, ein amoklaufendes Ankh Morpork, ein Moloch, vom Autor schillernd und detailversessen beschrieben. Der Stil ist abwechslungsreich und wortgewaltig, was vielleicht auch an einer guten Übersetzung liegt. Ein Fremdwörterbuch sei empfohlen, da dem Autor so alle zwei Seiten mindestens 1 nicht gerade gebräuchliches Fremdwort entschlüpft, wie z.B. Palimpsest oder (Zitat) "... undulierenden Strom von Apperzeptionen." Das Meiste erschließt sich aus dem Zusammenhang. Gerade zu Beginn des Buches tummeln sich veraltete oder veraltende Wörter wie 'Spülicht', aber das legt sich mit der Zeit.
In Miévilles Welt gibt es neben den Menschen eine Vielzahl intelligenter, nichtmenschlicher Rassen, Magie, Lochkartenmaschinen die zu KIs werden, Golems und Cyborgs (sog. 'Remades') und Wissenschaften, die Okkultes und für uns 'normale' Wissenschaften kombinieren, zu z.B. zur "Biothaumaturgie", Slums und Ghettos, Korruption, HiTech & LoTech, das Ganze wird einem teilweise wie MTV um die Ohren gehauen - wow!
Die sympathische Hauptfigur Isaac Dan dar Grimnebulin, ein Leonardo da Vinchi (die Namen haben eine leichte Ähnlichkeit, was ich nicht für Zufall halte) der kombinierten Wissenschaften, bekommt einen lukrativen Auftrag, er entwickelt eine neue Theorie, setzt Himmel & Hölle in Bewegung und alles Übel nimmt seinen Lauf, unerwartet das Ende.
"Die Falter" und "Der Weber" gehören zusammen, "Der Weber" hätte bei der Seiten-Nummerierung auch mit 559 beginnen können. Kurioserweise hat Bastei-Lübbe den Umschlag des ersten Bandes matt gestaltet, den zweiten glänzend. Die Schrift im zweiten Band ist größer, die Seiten haben 3 Zeilen weniger, um den geringeren Umfang von "Perdido Street Station 5-8" ebenso auf 558 Seiten aufzublähen - und den gleichen Preis zu verlangen wie für "Perdido Street Station 1-4".
Summa summarum: GRANDIOS.
Sollte sich China Miéville einfallen lassen, weitere Romane zu schreiben, ich werde sie gierig verschlingen.
Hoffentlich werden auch sie in New Crobuzon spielen.