Es ist nicht einfach diesen Film auszuhalten. Ständig hat man das Bedürfnis wegsehen oder weglaufen zu müssen. Es ist schwer zusehen zu müssen, wie Melanie nach und nach die Orientierung verliert.
Am Anfang kann man über sie nur schmunzeln. Die Naivität, mit der sie glaubt, frischen Wind" in eine festgefahrene Gemeinschaft bringen zu können, tut weh, aber man lächelt noch und wartet, wie lange es dauert, bis sie aufwacht. Doch sie wacht nicht auf, die ganze Zeit über hält sie an ihren Wunschvorstellungen fest und ist vollkommen blind für alle Warnsignale.
Liebenswert ist Melanie, die ihren Nachnamen Pröschle" auf eine unnachahmliche schwäbische Weise ausspricht. Man sieht förmlich vor sich, wie sie in ihrer heimatlichen Kleinstadt gelebt hat, die netten Eltern, der harmlose Freund. Enthusiastisch hat sie alles Wissen in Studium aufgesogen und möchte jetzt etwas bewegen. Also wagt sie den Sprung, lässt Eltern und Freund hinter sich und beginnt neu, mit allen Erwartungen, die man so hat, aber scheinbar ohne Angst.
Schon der erste Blick auf das Lehrerkollegium lässt nichts Gutes ahnen, doch Melanie nimmt es nicht wahr. Sie gibt íhren Einstand und hat sich vorgenommen, alles gut und richtig zu machen. Der einzige Kollege, der ihr freundlich und hilfsbereit entgegenkommt, ist Thorsten, doch der ist ihr zu ähnlich, so harmlos und unscheinbar wie sie, und daher wiegelt sie ihn ab.
Die Schüler merken schnell, dass Melanie ihnen nicht gewachsen ist und beginnen sie zu terrorisieren. Es tut weh zu sehen, wie hilflos und allein sie ist, niemand von den Kollegen kommt auf die Idee ihr beizustehen. Nur Thorsten wagt einen Vorstoß, doch da hat Melanie bereits zu ahnen begonnen, dass das Eingeständnis einer Niederlage eine Katastrophe wäre.
Ihre Versuche privat Kontakte zu knüpfen sind rührend peinlich. Einfach so Freunde zu finden, erweist sich als schwierig und so setzt sich zusammen mit den beruflichen Problemen ein Kreislauf in Gang, aus dem es kein Entkommen mehr zu geben scheint. Die Nachbarin Tina, die Melanie, gar nicht so ungeschickt anspricht, hat nur oberflächliches Interesse an ihr und ist ihr so unähnlich, dass man nur unter Schmerzen zuschauen kann, wie Melanie sich ihr aufdrängt.
Ihre verzweifelten Versuche eine Freundschaft anzuknüpfen nehmen wahnhafte Züge an. Sie beginnt zufällige Begegnungen zu inszenieren, lässt sich ausnutzen und interpretiert in harmlose Bemerkungen Dinge hinein, die niemals stattgefunden haben. Spätestens jetzt hat man als Zuschauer das Gefühl, an die Grenze des Erträglichen gelangt zu sein. Einerseits möchte man Melanie beschützen, andererseits sie packen und schütteln. Sie ist nicht mehr in der Lage ihr Leben zu kontrollieren. Jede Schulstunde eine Tortour, Tina zieht sich zurück, die Wohnung, anfangs so liebevoll eingerichtet, verwahrlost.
Traurig die verzweifelt-zaghaften Versuche Hilfe zu bekommen. Nur einmal hat sie den Mut ihre Probleme anzudeuten, doch Tina ist da bereits von ihr genervt und nicht bereit zuzuhören. Die Anrufe bei den Eltern enden mit Beschwichtigungen von Melanies Seite, nichts sei geschehen, sie wolle einfach nur mal anrufen.
Selten hat mich ein Film so betroffen zurückgelassen. Mit einfachsten Mitteln inszeniert gibt er einem das Gefühl, einer Geschichte nicht nur zuzusehen, sondern auch Teil von ihr zu sein. Die Realität ist so nahe, dass man den Geruch auf den Schulfluren, die Stimmung unter den Lehrern, die Stille in Melanies Wohnung förmlich spüren kann. Arme Melanie, denn sie gehört zu den Menschen, die nicht erkennen können, wo sie hingehören und was sie erreichen können. In Ihrer naiven unbehofenen Art fordert sie Mobbing geradezu heraus, ist sie auf Partys immer die Person, mit der sich niemand unterhalten möchte, ist sie die Bekannte, die alles viel zu ernst nimmt und Andeutungen macht, die auf ein vertrauliches Verhältnis hindeuten, das gar nicht besteht. Die Regisseurin zeigt uns einen Menschen, den viele von uns kennen, aber eigentlich nicht kennen wollen. Ein kurzer Blick in eine erbarmungslose Welt.
Die Schauspieler sind hervorragend, besonders Eva Löbau, die Melanie i s t. Ihre naive Offenheit, die erste Unsicherheit, dann die Leere in ihren Augen. Auch die Bewegungen, anfangs voller Tatendrang, dann ruckartig und immer unsicherer. Selten habe ich eine Schauspielerin gesehen, die Angst und Hoffnungslosigkeit so bewegend darstellen konnte.
Das Ende des Films lässt sich unterschiedlich interpretieren. Jeder sollte sich selbst ein Bild machen. I c h glaube, dass es Melanie endlich gelingt eine neue Sicht auf ihr Leben zu bekommen.