Mit dem historischen Kriminalroman "Der Würger von der Cater Street" veröffentlichte Anne Perry ihren ersten Roman aus der Inspektor-Pitt-Reihe, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in London spielt.
Pitt ermittlelt anders als William Monk aus ihrer anderen Reihe noch bei der Polizei und in ihrem Autrag untersucht er einige Mordfälle an angesehenen jungen Damen in der Cater Street. Dabei stößt er auch auf die unverheiratete Charlotte Ellison, die mit ihrer Familie, das heißt ihren Eltern und ihren zwei Schwestern Sarah und Emily sowieso ihrem Schwager Dominic, ebenfalls in dieser Straße lebt - und sich daher ebenfalls einer Befragung unterziehen muss, was besonders ihrem Vater gar nicht gefällt. Verständlich, wer will schließlich die Polizei im Haus haben? Was sollen die Nachbarn sagen? Was, wenn sich das gerunmspricht?
An dieser Stelle bekommt man einen guten Einblick in die Gepflogenheiten in diese Zeit, insbesondere die Bedeutung, die gesellschaftliches Ansehen hatte. Man fühlt sich, als wäre man mitten ins viktorianische London hineinversetzt worden - Perry schafft es wirklich ganz hervorragend, Atmosphäre zu erzeugen.
Doch weiter im Text:
Charlotte erweist sich als eine sehr eigenwillge Frau - wenn man die geschichtlichen Umstände einbezieht - , denn sie liest trotz Verbotes im Stillen die Zeitung, sie gibt häufig sarkastische Äußerung von sich, da sie ihren eigenen Kopf hat und nicht bereit ist, sich für die Gesellschaft zu verbiegen und zu verstellen oder zu lügen, nur um zu gefallen (was sie auch gar nicht kann, weil jeder es ihr sofort anmerkt). Daher befürchten ihre Eltern, dass sie gar keinen geeigneten Mann finden wird - teils wegen ihres Verhalten, teils, weil sie selbst gar kein Interesse daran hat. Immerhin ist sie zu ihrem eigenen Leidwesen unglücklich in Dominic, den Mann ihrer Schwester, verliebt.
Als Pitt und Charlotte sich zum ersten Mal begegnen, fühlt er sich sofort zu ihr hingezogen, sie kann ihn überhaupt nicht leiden - sie betrachtet ihn lediglich als den Polizisten, gesellschaftlich auf niedriger Stufe, der er ist - und dazu noch ein unglaublich unordentlicher und in seiner Offenheit unverschämter: Er erzählt ihr von Dingen, von Verbrechen, von denen sie in ihrer heilen Welt nichts hören will, sodass sie sich abgestoßen fühlt - doch damit öffnet er ihr auch die Augen. Außerdem wird sie sich langsam seiner Zuneigung bewusst - was sie ebenfalls nicht begeistert auffasst, oder zumindest behauptet sie das auch noch über einen Punkt hinaus, an dem das längst nicht mehr stimmt - Pitts Zuneigung erscheint ihr echter als das, was sie mit Dominic verbindet - das heißt, im Grunde gar nichts, wie sich herausstellt, außer dass sie sich von seinem Charme und seinem guten Aussehen angezogen gefühlt hat. Hier entwickelt sich also nebenbei noch eine kleine Liebesgeschichte, die gesellschaftliche Schranken außer Acht lässt (hört sich jetzt alles etwas sülziger an, als es eigentlich ist).
Der Würger von der Cater Street jedoch mordet unterdessen weiter - schließlich ist auch Charlottes Schwester Sarah an der Reihe. Dies führt zu unerträglichen Spannungen und gegenseitigen Beschuldigungen innerhalb der Familie. Es gibt Erwägungen, der jeweils andere könnte Schuld an ihrem Tod tragen. Die Auflösung ist schließlich unerwartet - ich habe an diese Person überhaupt nicht mehr gedacht ... Doch auch wenn die Aufflösung überraschend ausfällt, ergibt sie dennoch irgendwie Sinn. Zwar ist es nicht perfekt abgerundet, hier und da bleiben ein paar Fragen offen.
Aber alles in allem muss ich sagen, war ich von diesem Buch absolut begeistert. Anne Perry schafft es die zeitlichen Umstände auf eine sehr interessante Art und Weise zu vermitteln, die Gespräche zwischen Charakteren sind lebendig, die Handlung nachvollziehbar und die Figuren sympathisch - auch wenn ich zugeben muss, dass Gefühle manchmal ein bisschen kitschig beschrieben werden.
Ich habe im Übrigen auch noch weitere Bücher von Anne Perry gelesen und ich muss sagen, dass es nach einer Weile etwas langweilig wird, weil die Geschichten schon einen sehr ähnlichen Aufbau haben - also, man sollte besser nicht zu viel davon nacheinander lesen. Die Monk-Reihe würde ich im Übrigen auch empfehlen, wobei ich die früheren Bände aber besser finde.