Der Plot ist von zufälligen Begebenheiten geprägt, auf die die Protagonisten nicht wirklich Einfluss nehmen konnten. Eher eine zufällige Begegnung des Ich-Erzählers in jugendlichen Tagen führt zur Bekanntschaft mit Hanna, fast doppelt so alt wie er, und schließlich zu einer auch sexuellen Beziehung. Eine gewisse Hörigkeit des jungen Mannes ist die Folge. Sie entwickeln bestimmte Rituale, zu denen es auch gehört, dass er ihr vorliest.
Als sie eines Tages spurlos verschwindet bedarf es einer langen Zeit, bis der jugendliche Liebhaber darüber hinwegkommt. Erst Jahre später trifft er sie wieder. Er studiert mittlerweile Jura und verfolgt, als Mitglied einer Studiengruppe die Nürnberger Prozesse. Und eine der Angeklagten ist Hanna. Die deutlich gealterte Hanna seiner Jugend. Angeklagt, gemeinsam mit anderen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges KZ-Häftlinge in einer Kirche während einer Bombardierung eingesperrt gelassen zu haben, obgleich sie niederbrannte. Ein Bericht, der kurz nach dem Geschehen verfasst worden war, steht im Mittelpunkt des Verfahrens. Jeder leugnet, nur Hanna gibt zu, dass sie ihn verfasst hätte.
Der Ich-Erzähler fühlt, dass er etwas tun muss, denn er weiß, Hanna kann weder Lesen noch Schreiben. Doch was kann er wirklich bewirken, ohne Hanna bloß zu stellen, ohne aller Welt das Geheimnis ihres Lebens zu offenbaren, zumal sie genau das nicht wünscht und lieber eine Höchststrafe in Kauf nimmt.
Er holt sich Rat bei seinem Vater, er führt ein Gespräch mit dem Richter. Ist das genug und richtig?
Über die Jahre der Haft - er selbst besucht sie nie - bespricht er Bänder und versorgt sie damit in der Haftanstalt. Er wird zu ihrem Vorleser, wie bereits in jungen Jahren.
Erst im Rahmen eines Begnadigungsakts kommt es zu einer Begegnung. Und was dann folgt macht ein gutes Teil der Dramatik aus.
Bernhard Schlink ist es grandios gelungen, einem durchaus überschaubaren Geschehen seinen prägenden Stempel aufzudrücken und daraus eine spannende, faszinierende Erzählung zu schaffen, die so, wohl kein anderer hätte schreiben können. Immer klar, einfach, überschaubar lässt er uns an einer alltäglichen Geschichte einer Jugendliebe teilhaben, die durch tragische Umstände unvorhersehbare Tiefe erlangt.
Dieses Buch sollte man gelesen haben, denn es wird in der heutigen Zeit nicht viele Autoren geben, die die Thematik des Dritten Reichs aufgreifen können, ohne die Einfachheit mancher Strukturen aus dem Auge zu verlieren, die zu unfasslichen Taten führten. Ich selbst habe in jungen Jahren Einblick in Teile von Ermittlungsakten nehmen können, und ich kann bestätigen, dass oft die unglaublichsten Ursachen zu ebensolchen Folgen führten - was aber den Opfern das Leben kostete und ihren Angehörigen kein Trost sein kann. HMcM