"Die ganze Verkrustung durch die festen Regeln des Klosters begann hier im Wald von ihr abzufallen. Für diesen einen Tag hatte sie keine Pflichten, war niemandem Rechenschaft schuldig, und niemand kümmerte, was sie tat... Jetzt wandten sich ihre Gedanken zielstrebig und scheinbar willkürlich dem 148. Psalm zu. Zuerst kamen die lateinischen Worte -Laudate Dominion de coelis-, aber unbeabsichtigt kamen dann die englischen Worte der Wicliffe-Bibel ihres Onkels: "Lobet den Herrn, ihr Berge und Hügel, fruchttragende Bäume und alle Zedern, ihr Tiere und alles Vieh. Lobet den Herrn, Feuer, Hagel, Schnee und Nebel." ... und Nieselregen und feuchte Kälte, warf ihr Kopf respektlos ein, so dass sie fast laut gelacht hätte. Sie war glücklich. Unvernünftigerweise, unpassenderweise, einfach glücklich." (Zitat, Seite 59/60)
Kann ein Kriminalroman wirklich fesseln, auch wenn der Mord erst in der Hälfte des ganzen Buches geschieht? Margaret Frazers Werk ist auf jeden Fall nicht langweilig und unterhält den Leser mit dem ungewöhnlichen Abenteuer ihrer Heldin. Schwester Frevisse, die mit ihrer Mitschwester Emma und einem treuen Diener des Klosters unterwegs ist, befindet sich normalerweise hinter den sicheren Mauers ihres Zuhauses. Doch bei dieser Reise werden sie von einer Gruppe von Vogelfreien überfallen und festgehalten. Ausgerechnet Frevisses Cousin ist der Anführer der Bande und er hat einen besonderen Grund, seine Verwandte als Geisel zu behalten. Er möchte, dass die Nonne für seine Begnadigung sorgt. Frevisse lernt die Männer, die oft nur durch leichtsinniges Verhalten oder unglückliche Umstände in eine zweifelhafte Lage gekommen sind, näher kennen und erklärt sich bereit zu helfen. Als jedoch die Leiche des mächtigen, aber ziemlich unbeliebten Will Colfoot gefunden wird, fällt der Verdacht sofort auf die Vogelfreien. Doch Schwester Frevisse, die mittlerweile bei einer Kaufmannsfamilie im Dorf Obdach gefunden hat, kommt nicht so schnell zu einem Urteil.
Im Jahre 1434 prägt eine feste Weltordnung das Leben der Menschen. Doch die gläubige Frevisse stellt fest, dass es immer mehr Grauzonen in diesem Schwarz-Weiß-Bild gibt. Der ehrenwerte Kaufmann Payne ist sich nicht zu schade, zwielichtige Geschäfte mit ihrem Cousin Nicholas zu machen, der auf der anderen Seite des Gesetzes steht. Seine Schwester, die noch jung, aber schon Witwe ist, möchte selbst die Entscheidung treffen, ob sie sich wieder verheiratet und mit wem. Frevisse, deren Innensicht sehr genau beschrieben wird, beobachtet mit offenen Augen ihre Umwelt und so bekommt der Leser einen schönen Einblick in das ländlich geprägte Leben der Menschen im 15. Jahrhundert. Im Gegensatz zu Frevisse ist die Nonne Emma längst nicht so weltoffen, aber ihre Sprüche sind stets passend und einprägsam und durch ihre ulkige Art und ihrem redseligen Wesen bietet sie eine gute Ergänzung zu ihrer Mitschwester. Allerdings ist es vielleicht doch ein wenig heftig, diese gute Seele mit Opium zu betäuben, auch wenn dafür gute Gründe vorgeschoben werden. Wenig Mitleid kann man dagegen für den ermordeten Colfoot aufbringen, der durch seine skrupellose Art wenig oder gar keine Sympathien erweckt. Den Mörder als Wohltäter zu betrachten, würde wohl zu weit gehen, aber mit Frevisse hofft der Leser, dass es noch zu einer glimpflichen Auflösung des Falles kommt und kein Unschuldiger als Sündenbock herhalten muss.
Fazit: Solide geschrieben und dabei noch unterhaltsam. Diese Nonne als Miss Marple des Mittelalters zu bezeichnen, ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber lesenswert ist dieser ungewöhnliche Kriminalroman auf jeden Fall.