In einer Art Vorrede deutet Bruce Chatwin an, dass er zwar zu Francisco Manoel da Silvas Leben recherchiert habe, auch unter persönlichen Opfern vor Ort in Westafrika, sich auch mit einschlägiger biographischer Literatur befasst habe (was immer das bedeuten mag), dass aber "Der Vizekönig von Ouidah" nicht als biographischer Roman zu lesen ist, sondern als Fiktion, der die Geschichte lediglich als Stichwortgeber gedient hat. "Schade", denke ich nun, nachdem ich den Roman nach einigen Jahren wiedergelesen habe. Denn am ehesten überzeugt er noch in jenen Passagen, in denen man ihm die erzählerische Auswertung historischer Quellen anmerkt, etwa wenn es um die Ansiedlung ehemaliger Sklaven aus Brasilien in die Heimat ihrer Vorfahren geht, das heutige Benin. Passagen dieser Art sind anschaulich, und hier scheitert der Autor nicht, da er hier nicht erzählerisches Lokalkolorit mit dem überbordenden Einsatz von Reiseprospekt-Versatzstücken verwechselt. Aber der Reihe nach.
"Der Vizekönig von Ouidah" ist geschickt aufgebaut und beginnt daher auch recht vielversprechend: Der vielköpfige da-Silva-Clan, sonst über halb Westafrika verstreut, trifft sich anlässlich des 117. Todestages des Clan-Begründers wieder einmal Mitte der 1970er Jahre im realsozialistisch-tristen Ouidah. Die ehedem exotische Patina ist ebenso verblasst wie der Glanz der Sippe, die mehr von sich hermacht als sie ist... Das einzig bemerkenswerte Ereignis schließt denn auch die beiden ersten Kapitel ab und leitet zur Titelfigur über: Da Silvas letzte noch lebende Tochter Eugenia, genannt Mama Wéwé, ihrerseits eine bemerkenswerte Persönlichkeit, stirbt. In ihrer vagen Erinnerung ist da Silva tatsächlich ein Mensch aus Fleisch und Blut, und nun erwartet der Leser mit Recht einiges. Schließlich muss dieser Fernando da Silva eine Abenteurergestalt comme il faut gewesen sein, der Leben einzuhauchen auch für einen mäßigen Autor nach oberflächlichem Quellenstudium nicht allzu schwer gewesen sein dürfte: Ein skrupelloser Emporkömmling inmitten der feinen Gesellschaft, quer durch Brasilien, Pampa, Bahia Westafrika, Dahomey... dazu Sklavenhändler, afrikanische Stammesfürsten und -könige mit ihren Intrigen, Seelenverkäufer, Kolonialschacherer... Zumindest gediegenes Katzensilber darf man da erwarten als Leser.
Chatwin erzählt nun chronologisch da Silvas unstetes Leben nach, ein Leben wie viele wahrscheinlich. Anfänglich macht er sich gut, dieser lakonische Stil: Eine banale, von Grausamkeit geprägte Kindheit, die einfach hingenommen wird. Ein Schemen wächst da heran, eine Art Blaupause, ein Mann ohne Eigenschaften. Was nun? So jemand wird doch irgendwann zum stumpfsinnigen Kleinbauern in der Pampa, und fertig. Warum da Silva kein Kleinbauer bleibt, das jedoch wird hier nicht plausibel. Man muss das hinnehmen. Da Chatwin kein schlechter Stilist ist, nimmt es der Leser auch hin und liest weiter, erlebt da Silvas Aufstieg mit. Erst in Bahia, dann in Ouidah.
Der kleine bösartige Emporkömmling hat Glück, oder wie man das nennen will. Vielleicht ist es auch sein Unglück, denn dieses Glück führt ihn nach Dahomey, in ein soeben überfallenes Portugiesen-Fort. Da Silva steigt auf, wird zum skrupellosen seriösen Handelsherr mit unseriöser Handelsware, um's mal ganz zynisch zu sagen. Dass Sklavenhandel in seiner Heimat, in die er sich zurücksehnt, bald als Verbrechen gilt, zumindest offiziell, will er nicht recht wahrhaben, so wie er sich überhaupt immer mehr in einen Größenwahn hineinsteigert. Nicht, dass Chatwin das nachvollziehbar dargestellt hätte; man erkennt es eigentlich nur daran, dass da Silva sich irgendwann selber den Titel "Dom" verleiht, der dem brasilianischen Vizekönig vorbehalten ist. Größenwahn, verbunden mit Abstieg und Verfall.
Welch ein Sujet, oder besser: Welch ein Bündel an vielversprechenden Sujets! Aber auch: Welch ein blasierter Stil, der hinten und vorne nicht passen will. Wenn er denn lakonisch bliebe! Ein Bertolt Brecht hätte das noch im Delirium schnörkellos hinbekommen. Ein Leo Perutz wiederum hätte es krachen lassen und seine Leser ihrem Herrgott auf Knien danken lassen, dass er nächtelange Schlaflosigkeit über sie gebracht hat. Aber Chatwin...
"Und da Silva träumte ununterbrochen von Bahia." Und dann träumt da Silva gehobene Reiseprospekt-Prosa zur Verdeutlichung seiner Sehnsucht.
Das ist noch eine der besseren Passagen. Meist geht es nämlich so ab: Es ist heiß, man verwest bei lebendigem Leibe, es gibt erstaunlich viele Exkremente zum Drinrumwaten sowie zahlreiche exotische und meist dekorative Tiere, vom Nagetier bis zum Leoparden. Man schmort in finsteren schwülen Verliesen eines sadistischen Stammesfürsten vor sich hin und kommt warum auch immer wieder frei; man hat eklige Geschwüre, die nicht heilen wollen, ist ab und an etwas wahnsinnig und man langweilt sich, was man ja auch verstehen kann.
Der Roman liegt dem Film "Cobra Verde" zugrunde. Den kenne ich nicht, weil ich Klaus Kinski partout nicht mag (Letzteres ist nur mein ganz persönlicher Geschmack). Vielleicht liest der Roman sich ja interessanter für jemanden, der den Film gesehen hat. Vielleicht.